Sieben Jahre waren die Mitglieder der schwedischen Band Tiger Lou getrennt: Bei einer Session im Wald unter Freunden merkten die Männer jedoch, dass sie wieder zusammen auf die Bühne wollen. Wir haben Tiger Lou beim Abschluss ihres Tourzyklus in Magdeburg getroffen. Dabei haben sie mit uns über ihre musikalische Entwicklung gesprochen. Außerdem haben sie uns erklärt, was für sie der Begriff „zu Hause“ bedeutet, und was es mit dem Band-Tattoo auf sich hat.

 

Pop10: Es ist schön, dass ihr wieder nach Magdeburg gekommen seid. In einem unserer Stadtmagazine habt ihr erzählt, dass ihr eine besondere Verbindung mit dieser Stadt habt. Könnt ihr uns sagen, warum?

Rasmus: Wir haben hier oft gespielt. Magdeburg ist eine kleine Stadt, aber von den kleinen Städten ist es die, in der wir am meisten gespielt haben. Normalerweise sind es Hamburg, Berlin oder Köln. Und diese Verbindung hat sich über die Jahre entwickelt, weil es immer die gleichen Leute waren, die die Auftritte organisiert haben. So sind wir Freunde geworden und es scheint, dass viele derer Freunde kommen und dadurch kommt eine familiäre Atmosphäre auf.

Pontus: Magdeburg war auf jeder Tour stets eingeplant und wir haben viele Tours in Deutschland gemacht. Es sind immer andere Städte, aber wir kommen jedes Mal zurück nach Magdeburg. Deswegen ist es sehr schön, nach acht Jahren wieder hier zu sein.

Pop10: Zuerst war es ja nicht geplant, dass ihr hier in Magdeburg spielt, richtig?

Rasmus: Ja genau, weil wir nicht so lange von zu Hause wegbleiben wollen und unser Booker hat entschieden, diese fünf, sechs Städte solltet ihr besuchen. Aber dann haben die Veranstalter von hier mit ihm gesprochen und gesagt: „Hey, was ist mit Magdeburg? Ihr habt uns vergessen!“ Und dann haben wir gesagt, natürlich spielen wir auch in Magdeburg.

Tiger Lou im Interview bei Pop10:

Pop10: Auf Instagram gibt es ein paar Bilder von euch, auf denen ihr euch Tattoos habt machen lassen. Und dazu gab es diesen Hashtag #Magdeburg. Da waren wir verwirrt. Was bedeutet das, Magdeburg und ein Tattoo?

Rasmus: Am Ende des Tourzyklus von „Partial Print“ haben wir uns dazu entschieden, dass wir ein Bandtattoo haben wollen. Also haben wir unsere Freunde hier in Magdeburg angerufen und die haben ein Tattoo-Studio gefunden, an dem wir übrigens heute zufällig vorbeigelaufen sind. Also sind wir am Morgen dort hin und haben uns alle sechs das gleiche Tattoo stechen lassen, diesen kleinen, blöden Diamanten hier (zeigt auf ein Tattoo am Oberarm).

Pop10: Was symbolisiert dieses Tattoo?

Rasmus: Es steht für etwas, dass unzerbrechlich ist.

Pop10: Ihr habt eine lange Pause von sieben, acht Jahren gemacht und jetzt seid ihr wieder zusammen. Eure Leben haben sich verändert, wie beeinflusst das eure Musik?

Pontus: Ich denke, das neue Album ist das Wesentliche von Tiger Lou, aber mit neuen Songs. Das ist, wie ich das sehe. Als Rasmus die Songs geschrieben hat und wir sie aufgenommen haben, hatten wir das Gefühl, dass sie in eine Tiger Lou- mäßige Richtung gingen. Für mich haben uns diese Jahre dahingehend beeinflusst, Tiger Lou auf seinen Kern zu bringen.

Rasmus: Ich denke, wir sind alle entspannter. Für mich als Songwirter war es bei den vorherigen Alben so, dass ich das nächste besser als das letzte schreiben wollte. Ich wollte, dass sich alles weiter entwickelt und es sollte sich alles nicht unbedingt anders anhören, aber anders anfühlen. Und jetzt, wie Pontus sagte, habe ich diese Gefühle abgeschüttelt. Wir haben Zeug geschrieben und aufgenommen, das sich einfach gut angefühlt hat und haben nicht so viel darüber nachgedacht. Wir haben einfach gesagt, das klingt gut. Wir haben wenig darüber geredet, wie etwas gut ins Album passt, sollte das Album ein Thema haben und so weiter. Es war ein natürlicher, entspannter Prozess.

Pop10: Ihr hattet bestimmt viel Zeit dafür.

Rasmus: Ja genau, aber wir hatten fast keine Zeit, etwas aufzunehmen. Also wir haben für zweieinhalb Jahre aufgenommen, aber vielleicht für vier Stunden am Tag und dann konnten wir weitere drei Wochen nichts machen. Dann haben wir wieder einen Nachmittag lang aufgenommen, dann wieder einen Monat lang nicht. Dann bekam ich mein zweites Kind und wir haben wieder sechs Monate nichts gemacht. Aber wir hatten keinen Druck und das war eine ganz andere Erfahrung.

Pop10: Das ist also ein ganz anderer Prozess.

Rasmus: Ja, es war alles ein großes Vergnügen.

Pontus: Das ist etwas, das wir vergessen hatten und wiedergefunden haben, dass wir es lieben, das zu machen, was wir machen. Und es ist uns wichtig, das weiter zu tun. Der Grund, warum wir wieder zusammen kamen war, dass wir auf einer Feier von Freunden im Wald in einem Sommerhaus gespielt haben. Und wir sagten uns, lass uns einmal proben, um zu sehen, ob wir noch ein paar Songs spielen können, und alle waren da, es war sehr entspannt und wir fanden es schön. Nach diesem Auftritt sagten wir uns, wir sollten ein neues Album aufnehmen. Wir sollten weitermachen, es kann eine Weile dauern, aber wir sollten es definitiv tun. Und jetzt stehen wir hier, mit zwei merkwürdigen Mikrofonen in der Hand.

Pop10: Ihr tourt sehr viel und ihr habt auch schon an verschiedenen Orten gelebt. Wir haben erfahren, dass ihr in eurer Heimatstadt und Stockholm gelebt habt, in Berlin und Kalifornien. Als wir euer Video zum Song „Homecoming“ gesehen haben, haben wir uns gefragt, was ist für euch zu Hause?

Rasmus: Für mich ist zu Hause, wo auch immer ich mich wohlfühle. Also ist hier zu Hause heute Abend. Gerade würde ich sagen, zu Hause ist da, wo meine Kinder sind. Ich habe mich nie zu einem geografischen Ort verbunden gefühlt. Stockholm ist schön, ich kenne Stockholm sehr gut, Berlin ist auch schön, es gibt tausend andere schöne Städte, in denen ich gern leben würde. Also macht es mir nicht viel aus.

Pontus: Wir haben „Homecoming“ in Los Angeles aufgenommen und auch den letzten Song auf dem Album. Wir kommen rum, ich denke, das ist, wie wir es am liebsten haben.

Pop10: Wie viel Einfluss habt ihr auf eure Musikvideos?

Rasmus: Wir haben hundertprozentigen Einfluss darauf und auf alles andere, was wir machen.

Pop10: Das ist cool, also die Idee kommt von euch und ihr sagt, wie ihr es haben wollt?

Rasmus: Nein, normalerweise versuchen wir Leute zu finden, die gute Ideen haben, weil wir selbst keine haben. Aber dann können wir sagen, diese Idee ist besser als jene, lass uns die andere nehmen. Und wir haben Glück, mit so vielen talentierten Produzenten und Mischern zusammen zu arbeiten. Das Label unterstützt uns sehr und hat niemals in den kreativen Prozess eingegriffen. Also war es sehr einfach für Tiger Lou kreativ zu sein.

Pontus: Ja und auch mit den Filmemachern. Peder Bergstrand zum Beispiel, der ein sehr guter Freund von uns ist, ist eine super talentierte Ein-Mann-Band, er ist an der Kamera, führt Regie…

Rasmus: Er schneidet…

Pontus: Ja, er ist alles. Das Video zu „Homecoming“ wurde in zwei Tagen gemacht.

Rasmus: Ich schrieb mit ihm, er war gerade in L.A. und er sagte: „Ich habe gerade eure neue Single „Homecoming“ gehört, ich liebe sie.“ Ich sagte: „Was, du bist in L.A.? Du musst dafür ein Video drehen!“ Und er sagte: „Okay.“ Und zwei Tage später war es fertig.

Pontus: Ich hatte es dann in meiner Dropbox.

Rasmus: Und wir dachten, es ist perfekt, daran wollen wir nichts verändern.

Pontus: Ein Skateboard fahrendes Skelett – perfekt!

Pop10: In einem anderen Interview sagtest du, Rasmus: „Ich will Leute bewegen, ich will sie im Herzen erreichen.“ Woher weißt du, wann du sie erreichst?

Rasmus: Das hängt glaube ich von der Person hab. Manche Leute kommen wirklich zu den Auftritten. Das ist eine der Sachen, die ich am Touren am meisten mag, dass du sie tatsächlich sehen kannst. Eine andere Gelegenheit ergibt sich, wenn man nach dem Auftritt am Merchandise-Stand steht und mit Leuten redet, die man vorher nicht kannte und sie einem erzählen, was unsere Musik ihnen bedeutet. Und natürlich schreiben uns die Leute auch und erzählen uns davon. Manchmal sieht man aber auch komplett unbeeindruckte Leute, die den gesamten Auftritt nur so da stehen. Und ich denke: „Oh mein Gott, sie hassen es, warum bewegt er sich nicht, warum tanzt sie nicht?“ Und dann kommen sie nachher zu einem und sagen: „Das ist das Beste, was ich in meinem Leben gesehen habe.“ So sind die Leute unterschiedlich.

Pop10: Ihr antwortet auch selbst auf die Gästebucheinträge auf eurer Webseite, ist das korrekt?

Pontus: Ja, wir versuchen es. Es ist so lieb, wenn die Leute uns schreiben. Manchmal wollen sie uns bloß erzählen, wie sehr sie unsere Songs mögen, manchmal haben sie eine Frage. Das ist wirklich persönlich und wir wollen es so beibehalten. Darum ging es auch immer in unserer Band, um diese persönliche Beziehung zu unseren Fans. Aber mittlerweile haben wir so viele Plattformen und mediale Kanäle, manchmal verbocken wir es zu antworten. Aber wir versuchen, alle zu erreichen. Aber wir antworten gern auf all die E-Mails etc.

Rasmus: Wir alle haben einen DIY-Punk-Hardcore-Background, jeder hat alles selbst gemacht, den Technik-Kram getragen, die Band-Shirts designed und auf alles aufgepasst. Also war das nur natürlich für uns. Es fühlt sich komisch an, wenn jemand anderes etwas für uns macht.

Pontus: In allem steckt die Stimme der Band, nur auf verschiedene Arten und Weisen. Es wäre merkwürdig, wenn wir einen Social-Media-Manager hätten, der nie Teil der Band war und mit unserer Stimme zu den Leuten spricht. Wir müssen dahinter stehen, sonst könnten wir das so nicht befürworten.

Pop10: Diese Idee gefällt uns. Ihr und eure Songs sind persönlich, Leute erzählen euch persönliche Sachen. Es ist fair, das so zu machen.

Pontus: Wir könnten uns ja nicht mal einen Social-Media-Manager leisten!

Rasmus: Weil wir keine große Band sind, ist es auch zeitlich kein großer Aufwand. Ich verstehe, bei einer großen Band kann man vielleicht ein Mal persönlich antworten, aber wenn man in der Woche tausende Nachrichten bekommt, ist das ja unmöglich. Aber so eine Band sind wir eben nicht, wir können es uns leisten, uns die Zeit zu nehmen.

Vielen Dank an Tiger Lou für das Interview!