Wir haben uns im Rahmen des Melt!-Festivals 2017 mit Julia Gudzent getroffen, Head of Artist Liaison. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Stefan Lehmkuhl hat sie das Festival fast von Beginn an mit aufgebaut. Im Interview erfahrt ihr, wie sich das Festival über die Zeit musikalisch gewandelt hat, was Julia als ihre persönlichen Melt!-Meilensteine bezeichnet und warum sie trotz potentieller Pannen immer entspannt bleibt.

Pop10: Was für ein Fazit ziehst du aus dem diesjährigen Melt!-Festival?

Julia Gudzent: Das Festival ist ja noch nicht vorbei, man soll ja nicht den Tag vor dem Abend loben. Aber bisher war es sehr entspannt, wir haben eine wahnsinnig gute Stimmung. Ich bin ja im Artist-Bereich, da sind alle happy und total zufrieden. Und auch das Team geht sehr liebevoll miteinander um, das freut mich total und mir hat es bisher wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Julia Gudzent - Head of Artist Liaison beim Melt-Festival

Julia Gudzent – Head of Artist Liaison beim Melt-Festival

Pop10: In diesem Jahr gibt es das Melt!-Festival schon seit 20 Jahren. Wie hat sich das Festival seitdem vor allem musikalisch verändert?

Julia Gudzent: Es ist technoider geworden in den letzten Jahren. Wir haben weniger Bands und besonders weniger Indie-Bands, weil wir gemerkt haben, dass das eine lange Zeit nicht mehr so funktioniert hat. Wir hatten ja lange Zeit dieses Intro-Zelt und das hat nicht mehr funktioniert und wir hatten das Gefühl, die Leute interessieren sich für diese Bands nicht mehr so sehr. Inzwischen bin ich mir da gar nicht mehr so sicher, weil sich jetzt die Leute zum Teil auch beschweren, dass wir nicht mehr genug Band-Set-Ups mehr haben.

Pop10: Also wünschen sich die Leute anscheinend mehr Indie-Bands?

Julia Gudzent: Ja genau, ich hab das Gefühl, dass gerade in Deutschland der Trend wieder in Richtung Indie geht. Es gibt da ja sehr viele Acts, wie zum Beispiel Von Wegen Lisbeth, die auch hier gespielt haben. Ich glaube, die Leute fangen langsam an, wieder mehr Gitarrenmusik zu hören.

Pop10: Also vielleicht ein bisschen wieder „back to the roots“?

Julia Gudzent: Ja so in etwa. Es ändert sich ja jedes Jahr etwas, wir verändern ja jedes Jahr die Bühnen und probieren neue Sachen aus. Es ist nie dasselbe, wir versuchen uns jedes Jahr neu zu erfinden und Sachen zu machen, von denen wir denken, dass unsere Besucher die gerne hätten. Und wir sie auch gern hätten!

Pop10: Wie hat sich denn das Gelände in den letzten 20 Jahren verändert?

Julia Gudzent: Wir haben jetzt angefangen, mehr auf dem Campingplatz zu machen mit dem Camp Utopia und mit diesem, ich weiß gar nicht wie es richtig heißt, mit dieser Insel, die auf dem Gremminer See schwimmt. Des Weiteren haben wir angefangen, den Wald zu erschließen, da war früher immer das Crew-Camping. Aber wir dachten uns, das ist so eine schöne Fläche, die müssen wir auch den Besuchern zugänglich machen und haben dafür letztes Jahr mit Life from Earth [ein Berliner Hip-Hop-Label] zusammengearbeitet, die haben uns da ein Kino und ein Baumhaus hingebaut. Dieses Mal ist Sisyphos [ein Berliner Techno-Club] mit dabei, die haben da dann weiter gebaut und da eine neue Bühne kreiert, die jetzt dieses Jahr auch von Sisyphos kuratiert ist. Dann haben wir die Melt-Selektor-Stage drüben in die 30KV-Station gelegt, wo das Museum von Ferropolis ist. Diese Beach-Bühne gab es auch noch nicht, als ich angefangen habe, da waren noch nicht so viele Besucher da. Ich weiß noch genau, dass als wir 2006 zum ersten Mal 6000 Tickets verkauft haben, war ich so stolz und hab mich so gefreut! Und ja, es sind einfach mehr Bühnen geworden, wir haben versucht, die Halbinsel so gut wie möglich auszunutzen und so viele Inhalte wie möglich zu schaffen.

Pop10: Gibt es da jetzt überhaupt noch Luft nach oben?

Julia Gudzent: Luft nach oben ist schwierig, weil wie gesagt, das ist eine Halbinsel, wir sind sehr begrenzt mit dem Platz und mehr geht da halt einfach nicht. Es ist auch immer ein Problem hier mit dem Parken von Bands und Mitarbeitern, weil man kann hier einfach nicht so viele Autos auf die Insel lassen wegen dem Platz.

Pop10: Was sind denn deine drei Highlight-Acts aus den Jahren, die du schon  das Melt!-Festival mitorganisierst?

Julia Gudzent: Ich hab bisher kaum jemals Bands auf dem Melt! gesehen. Weil früher war das alles noch ein bisschen anders, da haben Stefan Lehmkuhl und ich das Festival allein gemacht. Was heißt allein gemacht, wir waren die einzigen Angestellten beim Melt! und haben das mit Hilfe von Intro gestemmt, die haben uns immer geholfen, und noch freie Mitarbeiter. Das heißt, ich hatte ehrlich gesagt keine Zeit mir auch nur einen Act anzuschauen, ich bin einfach kaum aufs Gelände gekommen, weil wir so ungefähr alles gemacht haben. Ich hab eigentlich in den ersten 10 Jahren nie Künstler gesehen. Das Einzige was ich mir angeschaut habe war Oasis, weil von denen war ich schon immer wahnsinnig großer Fan. Es war auch sehr erstaunlich, weil die ja den Ruf haben, etwas schwierig zu sein, aber ich fand es einfach super mit denen. Gerade Liam Gallagher war super nett, ist mit unsern Hospitality-Ladys den ganzen Tag abgehangen, war total entspannt, hat mit allen Selfies gemacht, weil natürlich jeder andere Künstler auch ein Foto mit ihm will. Die hab ich mir also auf jeden Fall angeschaut. Ich muss auch sagen, ich geh jedes Jahr beim Headliner am Sonntag kurz mal auf die Bühne, aber nicht um die Band anzuschauen, sondern das Publikum. Das finde ich ganz wichtig, ich sag das auch immer meinen Mitarbeitern, geht einmal kurz auf die Hauptbühne und schaut euch das Publikum an, weil dann weiß man warum man die ganze Arbeit macht, wenn man mal sieht, wie schön die Leute das finden und wie viel Spaß die haben.

20.000 Besucher sind jedes Jahr beim Melt!-Festival. Hier auf der Bühne: MIA © Torsten Porstmann

20.000 Besucher sind jedes Jahr beim Melt!-Festival. Hier auf der Bühne: MIA
© Torsten Porstmann

Pop10: Was sind denn neben dem ausverkauften Festival mit 20.000 verkauften Tickets deine Melt!-Meilensteine?

Julia Gudzent: Ein Meilenstein war, ich kann dir das Jahr gar nicht mehr genau sagen, das war das Jahr in dem Björk gespielt hat, die haben wir am dritten Tag geaddet. Da haben wir auch lange diskutiert, ob wir das machen oder nicht. Es war für mich persönlich ein Meilenstein, weil es damals die größte Künstlerin war, mit der ich jemals zusammen gearbeitet habe. Und ich war so nervös und das war auch das erste Mal, dass ein Produktionsleiter schon am Tag davor ankam und die Bühne ausgecheckt hat. Das war im schlimmsten Wolkenbruch und es ist ungefähr alles schief gelaufen. Der Act, der gerade auf der Bühne war, hat eine falsche Karte ins Monitorpult gesteckt, was alles zerhauen hatte, die ganze Stage-Crew war in höchster Alarmbereitschaft und da kommt der Produktionsleiter von Björk und will mal mit dem Stage-Manager reden. Und ich dachte so: „Oh Gott!“ und es hat in Strömen gegossen, also es war ganz schrecklich und ich hatte wirklich ein bisschen Angst vor dem. Der ist witziger Weise heute auch da, Peter, und zwar mit Phoenix. Inzwischen hab ich den schon ganz oft getroffen und jedes Mal wenn er mich sieht, sagt er: „Ach du bist da, dann wissen wir, dass alles klappt.“ Inzwischen respektieren wir uns gegenseitig und arbeiten sehr gern zusammen. Das war so mein erster persönlicher Meilenstein, der erste große Act, mit dem ich zusammen arbeiten durfte. Als wir 6000 Tickets verkauft haben, das war auch ein Meilenstein, dann das erste Mal ausverkauft war auch super, allerdings weiß ich nicht mehr, in welchem Jahr das war. Das bringt man mit der Zeit einfach durcheinander!

Pop10: Dann müsstet ihr jetzt theoretisch eigentlich mega entspannt sein, oder?

Julia Gudzent: Ja, es ist einfach alles schon passiert. Autobahnsperrung, die Hälfte der Shuttles stehen in der Vollsperrung, eine Band konnte mal nicht spielen, alles Mögliche ist einfach schon mal passiert. Und deswegen, solange niemand stirbt, ganz im Ernst, es ist nur ein Festival und da gehen halt Sachen schief. Man kann das wirklich perfekt planen und sagen, ich kann einfach nichts mehr machen, weil vor Ort ist eh wieder alles anders, weil der Faktor Mensch dann dazukommt und es sich doch jemand anders überlegt, dann wird jemand krank… Also man kann bei einem Festival nicht alles vorher planen, es wird alles anders vor Ort sein, als du es geplant hast.

Pop10: Wagen wir noch einen Blick in die Zukunft: Das Melt!-Festival in 20 Jahren. Wo ist das Melt! dann?

Julia Gudzent: Hoffentlich noch genauso toll wie heute! Ich liebe das Melt!. Ich bin gestern wieder über das Gelände gelaufen und dachte mir, das ist genau so, warum ich beim Melt! angefangen habe und warum ich dieses Festival so sehr liebe, weil hier richtige Musik-Liebhaber sind, die die Bands einfach super krass abfeiern. Das sind nicht einfach Leute, die einmal im Jahr auf ein Konzert gehen, weil der Headliner toll ist, sondern das sind Leute, die jeden kleinen Act so hart abfeiern. Das ist so wunderschön zu sehen. Und es ist auch schön zu sehen, wie die Crew so viel Liebe zum Detail reinsteckt. Allein die Food-Stände sind so gut gemacht, und die Licht-Show, die ganzen Laser über dem Gelände. Das ist echt Wahnsinn, was die ganzen Leute, die hier arbeiten hinkriegen, und dass die Leute das zu schätzen wissen, wie schön die Sachen alle gemacht sind. Ich liebe das Melt! einfach, es ist so ein schönes Festival, ich weiß nicht, ob ich das so sagen darf. Ich hoffe, also ob in 20 Jahren kann ich noch nicht so genau sagen, aber dass ich das in 10 Jahren zusammen mit meinem lieben Kollegen Stefan Lehmkuhl noch mache, denn mir macht das total Spaß. Ich hab an den seltensten Tagen das Gefühl, dass ich zur Arbeit gehe, sondern dass ich mein Hobby mache. Und dass ich dafür bezahlt werde ist der beste Bonus, den es gibt!

Wir danken Julia Gudzent für das Interview!

 

Beitragsbild © Torsten Porstmann