Die unbeschwerten Erinnerungen an den letzten Sommer waren beinahe verblasst, der endlos lange Winter überspielte sie mit Temperaturen jenseits des Erträglichen. Man fragte bisweilen: Wie fühlen sich die ersten Sonnenstrahlen auf regennasser Haut an? Wie klingt das Rascheln der Windböen, die durch sattgrüne Blätter und vollgepackte Vorzelte wehen? Diese flüchtigen Augenblicke finden ihren Weg zurück ins Gedächtnis sobald man den begummistiefelten Fuß in den traditionellen Shuttlezug gen Festivalgelände setzt. Nächster Halt: Bürgersee.

Denn genauso heißt die Station, die dem geneigten Immergut-Jünger das Herz höher schlagen lässt. Es ist Freitagmittag. Entgegen der apokalyptischen Wettervorhersagen scheint die Sonne; mir rutscht die 15 Kilo schwere Ikeatüte von der schweißnassen Schulter. Gleich ist es tgeschafft, lediglich 2 Gehminuten trennen mich von der Bändchenvergabe und somit von der ersten Raviolikonserve dieses Sommers. Letztere hatte sich wohl jeder verdient, der die Schienenersatzverkehr-Strapazen auf sich nahm, um von Berlin ins beschauliche Neustrelitz zu gelangen und zwischen umherfliegenden Isomatten, Zeltstangen und Rucksäcken bereits Wade an Wade Bekanntschaften schließen konnte.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Ruhe vor dem Sturm

‚Freunde‘ steht dann auf dem grasgrünen Bändchen, das den Zutritt in mein neues Wohnzimmer gewährt. Während man die betonierte Straße entlang flaniert, fühlt es sich in der Tat recht heimisch an: Bullis und Busse aus vergangenen Jahrzehnten türmen sich zu kleinen, liebevoll eingerichteten Festungen auf. Mädchen sitzen mit Dosenbier auf VW-Bus-Dächern, Jungs werfen sich schon mal in Tierkostüme oder die Bälle beim Flunkyball zu. Man entdeckt bunte Lichterketten an Pavillons, Lampenschirme, die von Planen hängen; Couchen, Campingstühle und umgedrehte Sterni-Kästen, die zum Verweilen einladen. Dort fliegen Luftballons, hier fliegen Seifenblasen. Die Sonne scheint noch immer und der Geruch von frischem Gras steigt einem in die Nase. Freunde, man reiche mir den Dosenöffner. Ich bin angekommen.

Flunkyball spielende Menschen

Flunkyball spielende Menschen

Szenenwechsel. Wir machen uns auf den Weg Richtung Birkenhain. Autor Mischa-Sarim Verollet gibt ebendort mit seinen Kurzgeschichten den Auftakt. „Irgendwas mit Menschen” heißt sein neuer Roman und darin erklärt er auch warum ein Date keinesfalls zwischen Schlafsack und Moshpit stattfinden sollte. Emotionales Rasensitzen: Die Freifläche vor der beschaulichen Bühne füllt sich langsam, man lauscht, trinkt und der Mischa-Sarim sammelt Lacher wie andere Pfandflaschen nach dem Festival.

birkenhainrich

Sitzen vor dem Birkenhainrich

Der Poetry-Slammer räumt die Bühne anschließend für ein Quartett namens David Jonathan, das fast ebenso viel erzählt wie voriger Autor. Der Bassist hat heute Geburtstag, ich habe übermorgen. Ich fühle mich verbunden. Auch der großformatige Pop reist mich mit. Ich wippe, tanze, nicke mit dem Kopf – so wie die meisten Zuschauer zwischen imposanter Eiche und kleinem Bierstand. Ein wenig ruhiger folgt Honig auf selbiger Bühne, die im Timetable liebevoll ‚Birkenhainrich‘ getauft wurde.

When saints go machine

When saints go machine

Die diesjährigen Namen der Zelt- und Waldbühne, ‚Bei Tanze Käthe‘ sowie ‚Beim Waldemar‘ verwirren zu später Stunde allerdings zunehmend. Doch noch ist es hell und der Pegel nicht annähernd so hoch, wie der des nackten jungen Herren, der mit in den Schritt gezogener Unterhose bereits jetzt Bier schnorren möchte. So finde ich also rechtzeitig zur Tanze Käthe als tiefschwarze Wolken über die angrenzenden Wälder ziehen. Perfekt, White Fence wollte ich sowieso sehen. Während ich regengeschützt den psychedelischen Liedern und Bassläufen der Kalifornier lausche und davon träume in Haight-Ashbury zu wohnen, braut sich draußen ein erstes Unwetter zusammen, das schließlich zum Auftritt von When Saints Go Machine niederprasselt. Ein Meer aus gelben Friesennerzen, grellbunten Regencapes und sperrigen Schirmen tut sich vor Sänger Nikolaj Vonsild auf, der mit gewohnt leidendem Gesichtsausdruck und markanter Falsett-Stimme mein erstes Highlight des diesjährigen Immerguts ist. Es erklingt „Fail Forever“, das Publikum wird leise, dicke Regentropfen perlen von Gesicht und Regenjacke  – nicht zum letzten Mal auf diesem Immergut liegen Freude und Melancholie so nah beieinander.

efterklang (4)

Efterklang

Der Regen hat aufgehört, der Boden ist matschig, die Haare hängen ins Gesicht, es ist kalt und lediglich die Scheinwerfer der Waldbühne erhellen das Gelände. Wir stehen erwartungsvoll in der Frontrow und werden nicht enttäuscht. Sobald die ersten Takte von „Hollow Mountain“, „Apples“ und „Modern Drift“ erklingen, bin ich wieder verliebt. Für eine knappe Stunde gibt es nur Efterklang und mich. Alsbald beenden sie ihr souveränes Set und ich tröste mich mit Team Me. Kontrastprogramm ahoi, ich fühle mich wie auf einem Kindergeburtstag – nicht nur aufgrund des jungen Durchschnittsalters. Riesige Luftballons, bunte Girlanden, noch buntere Lichter und hüpfende Norweger zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Wer ganz vorne steht, muss um sein Leben bangen, denn spätestens bei ihrem Überhit „Show me“ fühlt man sich an die Show von TDCC anno 2010 erinnert, in der niemand ohne mindestens drei tellergroße Blessuren davon kam.

team me

Team Me

Christian Löffler

Christian Löffler

Den Abend ausklingen lassen dann ein wunderbar gelaunter Jens Lekman und ein überzeugender Christian Löffler, in dessen Set Euphorie und Melancholie zu einer unübertrefflichen Einheit verschmelzen. Wer dann noch ein wenig schwofen möchte, der macht einen Abstecher ins feuchtfröhliche Indie-Diskozelt. Ich tanze allerdings nur bis 5. Man ist ja keine 20 mehr.

Daran werde ich sogleich erinnert, als ich nach 4 Stunden Schlaf nicht frisch wie Morgentau, dafür mit Augenringen bis in die Kniekehlen und schmerzendem Rücken aus dem Zelt krieche. Es wird gegrillt, gefaulenzt, die Sonne genossen. Bis Frank Spilker liest, vertreiben wir uns die Zeit mit selbstgemachtem Schnaps auf dem Bulli-Dach. Andere Menschen fahren an den idyllischen Badesee oder zum immerguten Fußballturnier. Andere Menschen haben aber auch keinen Todeskater.

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Beach Fossils

Der Samstag beginnt mit Frank Spilker, Fenster und Tiere Streicheln Menschen. Allesamt auf dem Birkenhain. Allesamt verpasst. Dann stehen allerdings Young Dreams auf der Waldbühne und ich ganz vorne. Die Norweger liefern trotz eher wenig Live-Erfahrung einen wunderbaren Auftritt und werden zurecht als eine der 2013er Hype Bands gelistet. Apropos. Die Beach Fossils betreten 2 Stunden später selbige Bühne. Ebenso jung, jedoch weder mit Frohsinn noch guter Laune im Gitarrenkoffer. Man könnte sich fragen warum das hippe Quartett aus Brooklyn latent genervt und derart gelangweilt erscheint. Der geneigte Zuschauer kann sich aber auch einfach mitreißen lassen von der Frustration wie der Wut, die Sänger Dustin Payseur dazu treibt ins Publikum zu springen, seine Gitarre zu malträtieren, um sich schlussendlich das dunkelgraue Shirt vom Leib zu reißen und backstage zu stürmen.

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The Vaccines

Nicht minder fesselnd sind The Vaccines, die neben The Notwist nicht nur den diesjährigen Headliner stellen, sondern sich ebenfalls erstaunlich präsent auf der Bühne zeigen. Während sie proklamieren keine „Teenage Icons“ zu sein, scheinen das die wild um sich schlagenden Skinnyjeans-Träger im Moshpit ganz anders zu sehen. Derweil das jüngere Publikum den Briten huldigt, boten die Indie-Urgesteine von The Notwist anschließend das Gegenprogramm. Es scheint fast so, als sprechen die Oberbayern eher die alt eingesessenen Immergut-Gänger an: bereits 2004 und 2008 bespielten sie die Mecklenburger Bühnen. Dieses Jahr mit einer Licht- und Stimmgewalt, das The Notwist als glorreiches Finale betitelt werden könnten. Doch dann waren da noch Gold Panda. Ach ja, und der Berliner Secret Act Jeans Team, dessen Ohrwurm „Gesundbrunnen Center“ sich tief in die Gehörgänge frisst.

Seifenblasen überall

Seifenblasen überall

Abschließend wird eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt, Bier verschüttet, Britpop-Hymen mitgegrölt.  Ein Immergut voller kleiner und großer Momente neigt sich dem Ende. Augenblick verweile doch. Die Festivalsaison ist offiziell eingeläutet. Willkommen zuhause!

Alle Fotos von mir findet ihr in diesem Facebook-Album. Die Spezialsendung von Pop10 zum Immergut 2013 gibt es hier zum Anschauen.