Kreative der bildenden und hörbaren Künste orientieren sich bewusst immer an Zeiten, die uns vorausgehen. Es gehört zum Wesen der Musiker, Grafiker und Malern, dass sie unzufrieden sind mit dem Jetzt und deshalb orientieren sie sich an Altem um es dann doch auf eine neue Art und Weise zu reproduzieren.

Die Musik ist hier in der Sparte der Kunst schon immer ein Garant für Aktualität gewesen

… die sich nur wenig von vorherigem gab.
So ist es fast logisch, dass Musiker wie Tocotronic, Charlie Winston, Fink oder aber auch Estelle sich musisch und in ihren Texten aus alt bewährtem Inspiration holen. Aus Zeiten, die Dinge überlieferten, weil sie gut waren und nicht weil sie einem bestimmten Label angehören, soundso viele Grammys verliehen bekommen haben oder soundso viele Platten verkauft haben.

Ihr Erfolg war noch nicht so durchgestylt wie der vieler Künstler heute

Ihr Erfolg war noch nicht so durchgestylt wie der vieler Künstler heute.
Bei Künstlern wie Bach, Mozart aber auch Jimmy Hendrix oder den Beatles war es natürlich auch die Masse an begeisterten Zuhörern und die Auszeichnungen die von Erfolg sprechen lassen.
Und doch findet sich bei den genannten unter der musikalischen Lautsprecher Lupe eine größere Durchdachtheit der Themen, dem Gehalt der Musik und eben auch der Qualität der musischen Begleitung.

Heutige Künstler wie Tokio Hotel zeigen viel größere Dissonanz im Stil von zwei aufeinander folgenden Veröffentlichungen. Eklatant klaffen die Alben, Bücher, Werke auseinander.
Scheinbar suchen die Musiker des 21. Jahrhundert die beste Mischung, die beste Variation ihres eigentlichen Stils. Als Grund dafür lässt sich ihnen in den Mund legen, dass das nächste Album, noch besser in den Charts landen soll oder wie man heute wohl sagen sollte, dass mehr Fans gewonnen werden die auf die Konzerte der Bands, Gruppen und Sänger kommen.
Die Veränderung des Stils sei dabei nicht an den Pranger gestellt.
Eine Entwicklung der Bands im allgemeinen ist normal, jedoch muss sich dabei die Motivation verändern? Eine Musikethische Frage die schon in den 80ern gestellt wurde.

Zurück zum Spannungsfeld Klassische/Altbewärte Musik vereint in der neuen Musik des Jazz, Pop oder Rock. Auswahl eines detaillierten Betrachtungsfeld ist groß, beschränken wir uns auf die Alternative Musik. Wobei dies inzwischen eine Beschränkung vom Wasser der Erde auf den Pazifik gleichkommt. Doch die Vielseitigkeit gegenwärtiger Alternativer Musik soll hier kein essentielles Thema sein.

http://www.youtube.com/watch?v=BpdI8mAOryE

Die Musik der Renaissance und folgender Epochen wird für die heutigen Musiker immer interessanter. Schon Kraftwerk benannten auf ihrem Klassiker “Trans Europa Express” (Siehe Video) ein Stück nach dem Romantiker Franz Schubert, der mit seinen Liederzyklen rasch zum Monopolisten des Kunstlieds aufstieg, wie sein Biograph mit einigem zeitlichen Abstand schrieb.

 

Uwe Schmidt, ein deutscher Produzent und Dj versteckt Schubert in Anspielungen wie einem anachronistischen Albumtitel oder in instrumentalen “Kompositionen”, für die er Schubert-Zitate aufgreift und bis zur Unkenntlichkeit neu kombiniert.
Der Mann, der so viele Musikrichtungen wie Pseudonyme bedient, erfreute im letzen Jahr beispielsweise unter dem Namen Señor Coconut mit dem Album „Liedgut“ den Kosmos des Aufgreifens klassischer Musik, aber auch klassischer Physik. Der Titel „Wellen und Feder“ deutet auf den Forscher Hermann von Helmholtz hin und seine Resonanztheorie des Hörens.

 

Phoenix schafften, wie Tocotronic, Kraftwerk oder Uwe Schmidt mit ihrem letzen Album ein modernes Spiel mit Namen und Werk alt bekannter Meister. Ihre Singleauskopplung „Lisztomania“ verweist schon auf die Musik von Franz Liszt.
„Mit der Klassik ist es wie wenn du Leuchtfarbe auf ein Bild aufträgst: Sie sticht hervor, sie beißt sich mit dem Rest. Sie springt sofort ins Auge, weil sie schwer zu integrieren ist“ meinte Phoenix Frontmann Thomas Mars im letzen Herbst in der Musiksendung „One Shot Not“.

Also besinnen sich neuere Musiker wieder auf die Alten Großen?

Also besinnen sich neuere Musiker wieder auf die Alten Großen? „Das Ganze ist mehr eine Frage der Ästhetik, als echte klassische Musik. Auch wenn wir die klassische Musik lieben, an diese großen Musiker werden wir nie herankommen! Es geht uns mehr um den Mythos und die europäische Dimension. In der Electro-Musik und im Jazz beobachten wir dasselbe! Seit dem Fall der Berliner Mauer gibt es viele Einflüsse aus Nord- und Osteuropa“ heißt es da weiter.

Deutsche Beispiele lassen sich hiefür viele finden, so Shantel der sozusagen Hand in Hand mit Wladimir Kaminer den Balkan Beat etablierte auf den heimischen Tanzflächen etablierte. Doch hat dies eben nicht mehr viel mit dem eigentlichen Bild von klassischer Musik zu tun.

Nun kommen Tocotronic in einer musikalischen Art daher, wobei Art mit der deutschen als auch dem englischen Pendant zu verstehen ist, die Bewusstsein zeigt. Bewusstsein für eigene Kraft. Und diese Kraft entsteht durch ein Konzept.
„Schall und Wahn“ legen Tocotronic vor, und dabei scheiden sich die Geister, ob sie mit der Konsequenz ihrer Texte auch das Konzept ihres Album umgesetzt haben. So finden sich hervorstechende Zeilen, die man vielleicht auf der nächsten Mai Demo erwarten darf und dann wieder solche, die man beim Sonntags-Morgen-Frühstück mal nicht in sein Brötchen säuselt, sondern gerade zu euphorisch an die Wände des Hauses gegenüber Schreit um dann lächelnd seine Mitmenschen anzusehen.

Hier also mal ein Vorschlag Tocotronics für die ästhetische Beschallung des „Schwarzen Blocks“:
Eine Lanze für den Widerstand…Eine Flanke gegen die Gegebenheiten…Die Folter endet nie …Der Fluchtpunkt ist in Sicht auch wenn ihr uns die Augen bindet.

Solch klare Töne waren klar, denn „Schall und Wahn“ ist, wie Tocotronic auf der Pressekonferenz zu ihrem Album erzählten, eine Zuspitzung von „Kapitulation“. Die Zuspitzung ist nie übertrieben auf diesem Album den erst die schöngeistige Stimme eines Dirk von Lowtzow bringt eher einen filigranen, ästhetischen Fundamentalismus in die Lieder. Die Hörer dieses Albums die „Kapitulation“ und „Pure Vernunft darf niemals siegen“ nicht kennen, bekommen hier ein Bild von Tocotronic das sie leicht in eine Linke Ecke einordnen lässt. Doch heimisch wären sie dort überhaupt nicht.

Den klaren Rausschmiss aus der angedeuteten Schublade bekommt „Schall und Wahn“ aufgrund von hochwertiger Musik, bedeutungsschweren Text und dem anmutigen Gesang eines Dirk von Lowtzow. Tocotronic offerieren auf diesem Album ihre Qualität zu wahren, denn die Ästhetik ihres Zusammenspiels ist bis zu beinahen Perfektion getrieben. Ästhetik im Spiel ist hier genauso Konzept wie im Text. Jan Müller, Bass: „ Es ging bei dem Album eher darum, noch einen Schritt weiter zu gehen, wirklich Große Räume zu öffnen. Es wurde auch recht experimentell mikrophoniert.

Der hinterste Winkel des Studios (“Chez Cherie” Studio in Berlin) wurde mit einem Mikrophon ausgestattet:
“Wir haben den Versuch gewagt möglichst opulenten Klang zu erzeugen.“
Tja und das eben nicht in dem man den Klang fetter machte und Gitarren, Drums, und Bässe übereinander zu häufen bis sie dann ganz fett in die Öffnung der CD „Schall und Wahn“ gepresst werden konnte.
Und doch bei allem Klang, der aufgrund seiner Perfektion anzumerken ist, stehen sich bei Schall und Wahn text und Musik in ihrer Umsetzung in nichts nach. Kontrastierend sind sie oft, und gehen dann doch wieder, auseinander, einander den Weg zeigend.
Tocotronic geben den Hörern hier ein Album in die Hand mit Qualität und Worten die im nicht mehr nur zum Nachdenken bringen, sondern zum Handel auffordern.
Die bisherigen Auswirkungen sind Begeisterung und Kritik, doch dabei wird es nicht bleiben. Tocotronic scheinen mit den letzten drei Alben eine lückenlose Enzyklopädie über den Zweifel und das Aufreiben des jetzt Menschen zu geben und lallen uns und sich ein in alte Töne. Doch ist das ganze so geschlossen, das ein nächstes Album mit gleichem Thema leicht zum scheitern verurteilt werden kann.
Also neues Thema oder lösen sich Tocotronic auf und lassen, das aufgebaute so stehen. Für die Kraft ihrer Worte und die Erhaltung dieser Kraft wäre es ein Ausrufezeichen und eine Bekräftigung.

Aber das ist ebenfalls eine alte Idee.