Gitarre, Bass, Schlagzeug und ein Frontsänger waren gestern. Noch vor einigen Jahren die Erfolgbesetzung der „Class of 2005“, beweisen anno 2011 nicht nur die Crystal Fighters, dass es auch mit unkonventionellen Instrumenten funktioniert.

In Portland reift etwas heran. Was für die europäische Musikszene London war und ist, hat diese Bedeutung für amerikanische Künstler und Musiker seit einigen Jahren die Stadt im Nordwesten der Staaten inne. Modest Mouse, The Shins und The Deceberists kommen von hier, Elliot Smith hat hier gelebt. Auch die 2006 gegründete Band TU FAWNING hat sich in Portland durch ihren ganz eigenen Sound einen Namen gemacht.

Für den ungeduldigen Wegklicker von YouTube-Videos wird Tu Fawning eine echte Herausforderung sein, bisweilen anspruchsvoll und anstrengend. Wer aber der Aufgabe gewachsen ist und ausharrt, ergo: länger hinhören kann, belohnt sich mit einem außergewöhnlichen und atmosphärisch dichtem Album, das uns nicht die aufgewärmte Pizza von gestern Abend serviert. Das vom Musikerpärchen Joe Hage und Corinna Repp gegründete Projekt Tu Fawning lässt hierbei nicht nur ordinäre Musikinstrumente zum Einsatz kommen, sondern auch Trompeten, Posaunen, Geigen, Klavier oder auch afrikanischen Trommeln. Wie soll denn bitteschön ein Album klingen, das die Instrumente eines halben Staatsorchesters beherbergt? Die Antwort kann nur die Band selbst geben:

“Unsere Musik ist schwierig zu kategorisieren, weshalb auch Vergleiche mit anderen Bands schwerfallen. Wir sind vor allem beeinflusst durch Weltmusik ganz verschiedener Epochen, wie afrikanischer Stammesmusik, dem Soul der 60s, Chansons oder Jazz – also allem Möglichen, nur nicht modernen Indierock. Wir orientieren uns nicht an die heutige Zeit, weil wir den immergleichen Loop des derzeitigen Sounds durchbrechen wollen.”

 

Dass Mitbegründer Joe Hage damit nicht zu weit ausholt, zeigt der Zweitling Hearts on Hold. Jeder Song steht hier als Klangraum, der von einem ganz eigenen Rhythmus getragen und mit den verschiedenen Instrumenten aufgefüllt wird. In der dreiviertel Stunde des Albums kommt es einem vor als verquickten sich abgehalfterter Jahrmarktsound und afrikanischer Trommelwirbel zu einer atmosphärischen Mixtur mit einem ebenso reichen Repertoire an Gesangsformen: Anleihen vom Chanson bis zum Gospel sind hier zu finden. In „Sad Song“, „I Know You Know“ und “Multiply A House” ist die Diversität des Albums exemplarisch zu entdecken, nebenbei sind es die besten und eingängigsten Songs von Tu Fawning. Mit „Just To Much“ wird sogar ein Versuch unternommen, den weitgehend trübseligen und dramatischen Klang abzustreifen – hier flackert kurz der Spirit der „Drums“ auf, obwohl Tu Fawning diesen zu keinem Zeitpunkt benötigt.

Das Fazit: Die Band aus Portland verfügt über das avantgardistische Moment, das Acts der Stunde benötigen, um sich vom Einerlei des modernen Indierock abzuheben. Zwar nichts für den Pausentee, dafür aber für Musikliebhaber, die sich an verregneten Sommerabenden im heimischen Sessel am reichhaltigen Klangbuffet von Hearts on Hold laben wollen. Ein wundervolles, aber strapaziöses Album.

Tu Fawning – Sad Song

Tu Fawning – I Know You Know