Ihr habt genug vom Ego-Shooter-Hype, von epischen Massenschlachten und Militär-Pathos? Ihr wollt mal wieder so richtig hin und her gerissen sein zwischen Freud und Leid – ohne dabei virtuellen Menschen beim Sterben zusehen zu müssen? Wieso versucht ihr es denn nicht mal mit einem Sportspiel? Und zwar mit dem Killerspiel unter den Sportspielen. Es gibt Blut, Schweiß, Tränen… und Zeitlupen!

Versteht mich nicht falsch, eigentlich bin ich ja Pazifist. Denn wie hat schon der alte Meister Laozi gesagt: „Zeigt mir einen Mann der Gewalttat, mit dem es ein gutes Ende genommen hat und ich will ihn zu meinem Lehrer machen.“ Gewalt kann also nie die Lösung sein – außer im Sport. Im Ring ist es okay, wenn man seinem Gegenüber nach allen Regeln der Kunst die Fresse poliert. Und weil ich nach all den Jahren des Pazifismus auch mal Lust habe jemandem -  wie soll ich sagen? (…eine Bombe zu geben?, Anm. d. Red.) Ja danke, diesen Ausdruck habe ich gesucht – habe ich mir Fight Night Champion gekauft.

Jetzt mal Spaß beiseite! Fight Night Champion ist viel mehr als ein Ventil für angestauten Frust. Es ist ein Sportspiel der Extraklasse. Nachdem schon Fight Night Round 4 eine Hommage an den Boxsport war, die in Punkten Präsentation und Spielbarkeit Ihresgleichen suchte, hat EA mit Fight Night Champion genug Mut gehabt, weiter zu gehen. Anhänger des vierten Teils werden jetzt wahrscheinlich laut aufschreien und ihre Tastatur auf den Schreibtisch hämmern, bis der ESC-Knopf durch die Luft fliegt  aber meiner Meinung nach sind die Entwickler mit Fight Night Champion der Perfektion ein paar Schritte näher gekommen.

Frazier vs. Hollyfield

Größter Streitpunkt der Fight Night Gemeinde ist wahrscheinlich die Steuerung. Nachdem Fight Night Round 4 die „Full Spectrum Punch Control“ einführte, die euch alle Schläge über den rechten Stick eures Controllers, anstatt über die Buttons, steuern ließ, ist bei Fight Night Champion nun wieder alles anders. Ihr bestimmt Schläge zwar immer noch mit dem rechten Stick allerdings wurden sämtliche Rotationsbewegunen aus der Steuerung entfernt und ihr schlagt nur noch, indem ihr in eine bestimmte Richtung drückt. Beispielsweise entspricht rechts oben einer rechten Geraden, links unten einem linken Uppercut. Stärkere Schläge löst ihr aus, indem ihr den rechten Trigger gedrückt haltet. Körperschläge werden über das Drücken des linken Bumpers aktiviert. Haltet ihr den rechten Bumber gedrückt, geht euer Boxer in die Defensive. Die Schultertasten agieren also als Modifikatoren für die Schläge, die ihr über den rechten Stick auslöst. Das ist am Anfang zwar etwas kompliziert, geht aber nach etwas Einarbeitungszeit schnell von der Hand. Die Schwierigkeit liegt eher in der taktischen Auswahl der Schläge. In Bruchteilen von Sekunden müsst ihr die Schwäche in der Deckung eures Gegners erkennen und den Schlag auswählen der ihn an genau dieser Stelle trifft. Was anfangs noch unerreichbar erscheint, wird allerdings mit fortlaufender Spielzeit immer greifbarer. Wie ein echter aufstrebender Boxer, lernt ihr mit jedem Kampf dazu. Die Lernkurve von Fight Night Champion gibt euch allerdings immer wieder neue Hausaufgaben auf. Von Konterschlägen über Ausweichbewegungen bis zu 14-teiligen (!) Schlagkombinationen gibt es einiges,  was ihr euch auf eurem Weg zum Champion aneignen könnt.

Andre Bishop

Champion könnt ihr auf verschiedene Arten werden. Für Einzelspieler hält Fight Night Champion sowohl den bekannten Karriere-Modus als auch den neuen Champion-Mode parat. Fight Night Veteranen fühlen sich beim Champion-Mode an den Legacy-Mode aus dem Vorgänger erinnert, allerdings haben sich die Entwickler die Kritik der Community durch den Kopf gehen lassen und dieses Mal einen stärkeren Fokus auf narrative Elemente gelegt. So spielt ihr die Geschichte von Andre Bishop, einem aufstrebenden Boxer der sich aus dem Gefängnis in die großen Hallen der Welt boxt und es auf seinem Weg mit allerlei Hindernissen zu tun bekommt. Vorangetrieben wird die Geschichte mit allerlei Zwischensequenzen und Dialogen, die zwar voll mit Klischees und nicht besonders originell geschrieben sind, sich aber trotzdem gut  Gesamtgefüge einordnen und eine Atmosphäre zu schaffen, die immerhin ein wenig an Rocky erinnert. Und sein wir mal ehrlich – originell war Rocky nun auch nicht unbedingt.

Eure Karriere startet im Gefängnis

Ich bin kein heißblütiger Boxfan, der in seinem Zimmer einen Schrein von Cassius Clay errichtet hat aber Fight Night Champion kann einem wirklich die Liebe zum Boxsport lehren. Vorallem im Karrieremodus gerät man schnell in einen regelrechten Sog aus Ehrgeiz. Nachdem man den eigenen Boxer ganz nach Belieben gestaltet hat, geht es mit dem Alltag eines aufstrebenden Boxers los. Kämpfe ansetzen, Promotion-Termine wahrnehmen und natürlich trainieren, trainieren und nochmals trainieren. Mit in abwechslungsreichen Trainings-Minispielchen verdienten Erfahrungspunkten könnt ihr einzelne Schläge oder bestimmte Fähigkeiten eures Boxers Schritt für Schritt verbessen. Ihr könnt allerdings nur trainieren, wenn ihr auch Kämpfe ansetzt. Ein rollenspieltypisches Hochzüchten des Charakters ist somit ausgeschlossen.

Trainieren geht über Studieren

Ihr sucht euch also einen Gegner aus, schätzt eure Chancen ein, guckt euch seine Statistiken an und versucht dementsprechend zu trainieren. Hat der Gegner seine starken Schläge eher im Kopfbereich, investiert ihr vor dem Kampf lieber ein paar Punkte in euren Block und die Nehmerfähigkeiten eures Kinns. Schlägt der Gegner eher zum Körper, solltet ihr euer Herz trainieren. Das gleiche gilt andersherum. Geht aus den Werten des Gegners hervor, dass seine Körperdeckung schwach ist, solltet ihr einen entsprechenden Schlag trainieren, um einen Vorteil zu haben. Dazu kommt, das jeder Gegner einen bestimmten Stil boxt. Während ein Gegner Runde um Runde die Deckung oben lässt um ab und zu einen wohlplazierten Konter zu schlagen, gehen andere Gegner von Beginn an aufs Ganze und setzen euch mit nie endenden Schlagkombinationen zu. Passt ihr eure Taktik an die eures Gegners an, ist das oft der Schlüssel zum Sieg.

Ihr werdet allerdings auch des Öfteren Rückschläge erleben. Gerade diese Momente sind es, in denen Fight Night den Spieler mitreißt. Ein langer, anstrengender Kampf und in der 10. Runde erwischt euch euer Gegner mit einem linken Haken – K.O. Frustrierend zu wissen, dass man die letzten 10 Minuten umsonst gekämpft hat. Denn eure Statistik wird diese Niederlage nie vergessen. Umgekehrt fühlt ihr euch aber wie der König der Welt, wenn nach einer gefühlten Ewigkeit der Vorbereitung endlich den Champion auf die Bretter schickt und den Gürtel in der Hand haltet.

Ich kann Fight Night Champion jedem wärmstens empfehlen, der sich für Sport begeistern kann und das Gefühl kennt, ein Ziel mit aller Macht erreichen zu wollen. Denn das ist es, was Fight Night perfekt transportiert. Ihr werdet eins mit eurem Boxer werden. Aber vergesst nicht die Worte des alten Meisters Laozi: „Gewalt zerbricht an sich selbst.“