Am vergangenen Freitag fand zum ersten Mal der „Preis für Popkultur“ statt, verliehen und veranstaltet von dem eigens hierfür gegründeten „Verein zur Förderung der Popkultur e.V.“. Statt auf kommerziellen Erfolg und gute Beziehungen in der Musikbranche möchte man mit der unabhängigen Vergabe auf Innovation und Vielfalt in der deutschen Musiklandschaft setzen, sie herausstellen und fördern.

Und innovativ kam der Preis auch zunächst daher: Die Atmosphäre im Berliner Tempodrom mit rund 2000 Gästen gestaltete sich familiär. Kategorien wie „schönste Geschichte“ und „gelebte Popkultur“ deuteten auf eine Veranstaltung abseits der Norm hin und der meistnominierte Act des Abends war ein Künstler mit weniger als 10.000 Likes auf Facebook (Drangsal!!!, Anm.d.Red. Anm.v. Leonie).

Eine schöne Idee, die in der Umsetzung jedoch einige Tücken mit sich brachte.
So wurde schon im Vorfeld über die Aussagekraft der Jury diskutiert. Sie besteht aus den Mitgliedern des Vereins, dem sich jeder, der im weiteren Sinne etwas mit Musik in Deutschland zu tun hat, für eine Beitragszahlung von 60 Euro im Jahr anschließen kann. Die Beurteilungskraft einer so willkürlich zusammengestellten Jury ist natürlich fraglich. Was, wenn sich nun eine Plattenfirma oder Bookingagentur mit hohen Anteilen in diesen Verein „einkauft“ und nur für ihre eigenen Künstler abstimmt? Sprecher des Vereins Stephan Velten betonte in einem Interview mit der Zeit, dass jede Firma nur mit maximal 7% in der Gesamtjury vertreten sein darf und somit eine möglichst breite Aufstellung gewährleistet sein soll.


Der Mainstream der Szene

Doch trotz aller Ambitionen, möglichst vielfältig und alternativ daherzukommen, erschienen die meisten Ergebnisse absehbar. Ausgezeichnet wurde Jan Böhmermann für seine „Schmähkritik“ (Kategorie „schönste Geschichte“), die Beginner für ihr Musikvideo zu „Ahnma“ („Lieblingsvideo“) und der Golden Pudel Club als beste Eventlocation (Kategorie „gelebte Popkultur”). Der Mainstream der Szene also; in vielen Kategorien wurde wohl eher für die bekanntesten, und nicht unbedingt qualitativ hochwertigsten oder innovativsten Nominierten abgestimmt. So ist der Song „Ahnma“ sicher einiges; ein fulminantes Comeback der Beginner und buntes Stelldichein der Hamburger Rapszene, aber kein Meisterwerk der Bewegtbildkunst. Hier wurde deutlich, dass das Abstimmungsverfahren wohl irgendwo zwischen Expertenjury und Publikumsvoting lag.

Überraschendere Momente gab es dann aber doch, z.B. als sich Drangsal gegen AnnenMayKantereit als hoffnungsvollster Newcomer durchsetzen konnte und Mine (zusammen mit der erfolgsverwöhnten Peaches) als beste Solokünstlerin, sowie Moderat als Lieblingsband ausgezeichnet wurden. Schade nur, dass selten wirkliche Spannung aufkam, da man die meisten Gewinner schon vorher festmachen konnte. Entweder, weil Moderator Bernd Begemann (ein Abriss folgt unten) seine Moderationskarten vorschnell ins Publikum warf oder erst gar kein Preis auf die Bühne gebracht wurde, und somit klar war, dass der Gewinner einer der nichtanwesenden Acts sein musste.

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Stilvoller Minimalismus

Der Preis wurde in Form einer stilisierten Schallplatte übergeben, die sich schön in das minimalistische Gesamtkonzept einreihte. Man setzte auf ein schlichtes Bühnendesign, davor schwarz gedeckte Tische für die Nominierten. Auf den oberen Rängen nahmen auf einer Seite die Vereinsmitglieder Platz. Lobhudeleien auf die eigenen Personen hielten sich während der Veranstaltung weitgehend in Grenzen. Bei Empfang und Aftershowparty konnten sich Vereinsmitglieder und Nominierte in einem abgeschlossenen Bereich miteinander austauschen.

Die Live-Auftritte des Abends läuteten Isolation Berlin mit einer mehr als rotzigen Performance ein. Es folgte Bosse, der den stimmgewaltigen Berliner Kneipenchor im Gepäck hatte und in Anwesenheit vieler Fans mit sympathischer Art unter Beweis stellte, dass er den Preis in der Kategorie „Lieblingssolokünstler“ zu Recht geholt hat – trotz Konkurrenz-Auftritt beim Echo.

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Überzeugende Live-Auftritte

Das für viele Anwesende Highlight des Abends, Casper, trumpfte mit Cellotrio auf und lieferte eine gewohnt fette Show ab. Als er dann auch noch Dagobert (Bild) und Blixa Bargeld mit auf die Bühne holte, bescherte er den Veranstaltern noch zwei weitere hochkarätige Gäste der deutschsprachigen Popkultur. Mit ihrem gemeinsamen Song „Lang lebe der Tod“ hatten sie sich zudem den Preis in der Kategorie „Lieblingslied“ gesichert.

Es folgten Boy mit einem souveränen Popauftritt, der einen für einen kurzen Augenblick vergessen ließ, dass man sich hier vor einer deutschen Bühne befand. Als einzige Band mit Frauenanteil waren sie auch in der Kategorie „Lieblingsband“ nominiert worden – ein Preis, den man ihnen nach dieser Performance wirklich gegönnt hätte.

Die Abschlussshow bot Drangsal. Hatte er die Entgegennahme seiner Auszeichnung als bester Newcomer noch vorlaut mit „Hauptsache nicht AnnenMayKantereit“ kommentiert, und die Hoffnung auf einen kleinen Beef unter deutschen Popsternchen angezettelt, zeigte er sich bei seiner eigenen Performance kleinlauter und brachte mit seiner Band den Abend als selbsternannte „Rausschmeißer“ zu Ende.

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Misslungene Moderation

Die deutlichste Erkenntnis des Abends war für die meisten Anwesenden jedoch, dass mit der Moderation eine solche Veranstaltung steht und fällt. Bernd Begemann leitete mehr schlecht als recht durch den Abend und manövrierte sich zielsicher von einem Fettnäpfchen ins nächste. Immer wieder fiel er Laudatoren und Preisträgern ins Wort, beleidigte Nominierte und bezeichnete das Publikum und auch mal Preisträger herablassend als „Kids“ und „das Volk“. Das mag für seine Soloshow vielleicht ganz lustig sein, bei einem Event dieser Art sollte aber den ausgezeichneten Künstlern mehr Beachtung zugute kommen als der Selbstdarstellung der eigenen Person.

Durch Begemanns deplatzierte Witze büßte die Veranstaltung sehr viel Seriosität ein, die dann auch ein Daniel Miller, der internationale Ehrengast der Veranstaltung, nicht mehr herstellen konnte. Er hielt eine ausschweifende Laudatio auf Kraftwerk, die den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk erhalten hatten – zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Gäste bereits nicht mehr still auf ihren Plätzen sitzen konnten und versuchten, durch fortwährenden Applaus und Zwischenrufe Miller von der Bühne zu chauffieren. Hatte Begemann zuvor viele Redner unterbrochen oder erst gar nicht zu Wort kommen gelassen, war von ihm nun nichts mehr zu sehen und auch die Veranstalter machten keine Anstalten, die unangenehme Situation in ehrwürdiger Weise zu Ende zu bringen.

Ein weiterer Fauxpas vollzog sich bei der Verleihung des Preises für die „spannendste Idee/Kampagne“. Hier hatte Begemann nun schon zum zweiten Mal vergessen, die Laudatoren vor Bekanntgabe der Gewinner auf die Bühne zu holen. Die Preisträgerinnen der Aktion „Plus 1 – Refugees Welcome“ wollten gerade mit ihrer Dankesrede beginnen, als auch Katja Lucker, Chefin des Musicboards Berlin, zu ihrer Laudatio ausholte. Darin ging sie leider weniger auf die nominierten Projekte, als auf den veranstaltenden Verein zur Förderung der Popkultur ein, und versicherte, dass im nächsten Jahr ein größerer Fokus auf weibliche Beteiligte gelegt werden soll. Hier wäre ein wunderbarer Übergang zu den beiden (weiblichen) Preisträgerinnen neben ihr möglich gewesen, doch die Chance ergriff Lucker nicht und gratulierte stattdessen erstmal namentlich einem Mann in dem Projekt. Als Begemann schließlich die beiden Ausgezeichneten mit den Worten „Jetzt dürft ihr reden, das ist ja ein freies Land“ zu der Flüchtlingsproblematik zu Wort kommen ließ, war der ironische Moment perfekt.

Alles in allem war der „Preis für Popkultur 2016“ eine gute Idee, die in Durchführung und Organisation ausbaufähig bleibt. Die Bedeutung des Musikstandorts Berlin/Hamburg wurde besonders herausgestellt, Akteure aus anderen Gebieten Deutschlands eher vernachlässigt, was aber wohl vor allem der Nähe zum Austragungsort geschuldet war. Mit einer angemessenen Moderation, die dem Event auch eine entsprechende Würde verleiht, sollte einem erfolgreichen Preis für Popkultur 2017 nichts im Wege stehen.

Alle Nominierten: http://www.preisfuerpopkultur.de/category
Die Preisträger: http://www.preisfuerpopkultur.de/winner

Albrecht Elstermann und Leonie Scholl

PS:  Leider durften wir nur Handyfotos machen, darum sind die nicht so schön.