1986 brachte der New Musical Express einen Musiksampler auf die Welt, aus dessen Hülle der britische Twee-Pop schlüpfte. C86, so der Name des Tapes, wurde bald zum Genrebegriff für gitarrenlastigen Indiepop, wie ihn auch die Close Lobsters praktizierten. Nach über 20 Jahren feiert die Band ihre Reunion, auf dem Popfest in Berlin.

Es war 1986, die Disko- und Radiowelt wurde von hedonistischen Schönlingen, Modern Talking, Falco oder Europe regiert, das Vereinigte Königreich von Maggie Thatcher. Punkhelden wie die Dead Kennedys oder Black Flag spielten ihre letzten Konzerte und The Smiths veröffentlichten ihr großes Album „The queen is dead“. Im März des gleichen Jahres hatte das Parocktikum von Radio DT64 seine erste Sendung und sollte neben einer weiteren Radiosendung erheblich zu meiner musikalischen Sozialisation beitragen.

Etwas länger schon verbrachte ich nämlich vor dem vom Munde abgesparten Monokassettenrekorder KR 650 konzentrierte Stunden und lauschte dem britischen Soldatensender BFBS Radio 1 und seiner Radiolegende John Peel. Dieser widmete sich 1986 natürlich auch einem Phänomen, welches dank eines dem englischen New Musical Express beiliegenden Compilation- Tapes seinen Namen bekommen sollte, C86. Den NME- Hype nahm ich am Radio zwar nicht wahr, aber mit der entsprechenden Musik füllte ich meine Kassetten. Müßig ist es längst zu streiten, ob wirklich alle auf dem C86 Tape vertretenen Bands tatsächlich mehr zwingende Gemeinsamkeiten hatten als eben das NME- Tape selbst. Fakt jedoch ist, dass diese und weitere Protagonisten mit ihrem schrammeligen C86- Gitarren- Sound die britische Indie- Szene für die nächsten Jahre prägen sollten.

Eine der auf dem Tape vertretenen Bands waren die schottischen Close Lobsters, bis dato noch ohne Langspieler, der dann aber ein Jahr später unter dem Namen „Foxheads stalk this land“ folgen sollte. Dieses Album und sein 89er Nachfolger „Headache Rhetoric“ gelten als Meilensteine der Indie- Pop- Bewegung. Die Close Lobsters verbanden Jangle- Pop und Surf- Rock, machten aus ihrer Vorliebe für Bands wie die Smiths, Orange Juice oder den Buzzcocks kein Geheimnis und schufen damit wunderschönen, emotionalen und catchy Gitarrenpop. Der wurde mit dem zweiten Album zwar hörbar amerikanischer, schattierter und aggressiver, war aber noch immer im Indie- Pop geerdet. Nach den genannten beiden Alben und einigen Singles gaben die Schotten im November 1989 im New Yorker CBGBs ihr letztes Konzert. Songs wie „never seen before“ oder „let’s make some plans“ sind aber feste Fixpunkte des Indie-Pop Kosmos und würden in einer besseren Welt auch heuer noch regelmäßig im Radio laufen.

Nach mehr als 20 Jahren nun gehen die Glasgower Schrammelpopper wieder gemeinsam auf die Bühne und spielen nach dem Madrider Popfest auch am 28. Juli auf dem dritten Popfest Berlin

Nach mehr als 20 Jahren nun gehen die Glasgower Schrammelpopper wieder gemeinsam auf die Bühne und spielen nach dem Madrider Popfest auch am 28. Juli auf dem dritten Popfest Berlin.

Veranstalter ist das rührige Berliner Label Firestation Records. Das gründete sich weiland mal als Firestation Tower Records – der auf dem C86 Tape enthaltene Close Lobster Song hieß „Firestation Towers“. Ist das eigentlich Zufall? Neben dem allseits Aufsehen erregenden Reunion- Gig der Close Lobsters wird eine weitere schillernde Figur der C86- Szene das Popfest beehren, Amelia Fletcher! Als Mitglied und Sängerin diverser C86-, Indie- oder Twee- Pop Helden wie Talulah Gosh, Heavenly, Marine Research oder Tender Trap wird dieses personifizierte Aushängeschild mit letzteren auftreten. Die sind auch 2012 noch immer frisch, leicht und scheinbar immerjung. Ich freu mich so.

Zum Line-Up des Popfest gehört ferner die deutsche Shoegaze/Noisepop Band Grabbel and the Final Cut. Zu Lebzeiten der Band, vor 15 Jahren, waren die sträflich unterbewertet, bekommen nun aber dank des New Yorker Plattenlabels Captured Tracks die verdiente Aufmerksamkeit. Zum Gelingen des Popfest werden auch die Spanier Band À Part vom stilsicheren Label Elefant Records und die englischen The Proctors beitragen. Unstreitig gehört Indie-Pop auch 2012 ins Licht der Öffentlichkeit. Das Popfest zerrt ihn dorthin. Ich bin überzeugt, dass der auch heuer jungen Menschen durch die Unbill des Lebens helfen kann. Denn der hat Herz und Schmerz, Sehnsucht und Hoffnung. Mehr bedarf es doch fast gar nicht!

Popfest Berlin, 28.07.2012, Roter Salon (Volksbühne)
popfestberlin.blogspot.de