Immer wenn sich die Hype-Maschinerie ein neues Opfer pickt und somit eine Welle von Begeisterung selbst über europäische Grenzen hinwegrollt, kann es für einen Künstler gleichermaßen Bürde wie Segen sein. Woodkids Run Boy Run untermalte die Werbekampagne eines Mobilfunkanbieters und schoss daraufhin an die Spitze der Charts – ebenso wie jüngst Capital Cities oder die Dandy Warhols zu Pre-Smartphone-Zeiten. Dass Yoann Lemoine alias Woodkid unterdessen keine musikalische Eintagsfliege sein will, bewies er am Montagabend im ausverkauften Tempodrom.

Die Schlage vor der futuristisch anmutenden Konzert Location ist lang, länger, am längsten. Das Publikum wirkt ungewöhnlich heterogen – ob diese Tatsache dem horrenden Kartenpreis, dem aktuellen Werbedeal oder der Orchesterunterstützung zuzuschreiben ist, bleibt offen. Der letzte Hauptstadt-Besuch liegt bereits 2 Jahre zurück: Damals bespielte Lemoine den Festsaal Kreuzberg. Nun strömen knapp 4000 Konzertbesucher bereits überpünktlich in den Tempodrom um sich einen perfekten Platz für den großen Auftritt des kleinen Franzosen zu sichern.

Als Musikvideo-Regisseur für altbekannte Exzentriker wie Moby, Lana Del Ray und Katy Perry machte er sich bereits einen Namen. Kein Wunder also, dass neben seinen eigenen Musikvideos auch die Bühnenperformance perfekt durchchoreographiert scheint.

Jeder Scheinwerfer, jeder Paukenschlag, jeder Blick ins Publikum wirkt clever platziert.

Baltimore’s Fireflies, ein Song der Iron-EP, eröffnet diesen besonderen Abend; besonders deshalb, weil ihn das Babelsberger Filmorchester mit Streichern sowie Blechbläsern unterstützt. Ob das nun ein findiger Marketing-Trick ist, um seine alten Songs mit neuem Gewand zu schmücken, sei mal dahingestellt. Nichtsdestotrotz fressen sich die opulenten Melodien der Tuben und Trompeten, die donnernden Paukenschläge und die sanften Streicher-Klänge in die Gehörgänge der Anwesenden. Die Lautstärke tut fast etwas weh, ebenso wie die grellen Lichter, die die lammellenartigen Innen-Wände des Tempodroms entlangkriechen. Die üppigen und träumerischen Landschaften in den nachfolgen Songs The Golden Age und Where I live, spiegeln sich indessen auf einer überdimensionalen Leinwand im Bühnenhintergrund.

Yoann Lemoine entwirft eine Atmosphäre aus Licht und Schatten, aus leisen Klängen und drohendem Donner, die zwar emotional aufgeladen und dennoch irgendwie konstruiert scheint. Er richtet sich mehrmals an das euphorische Publikum, bedankt sich und erzählt kurze Anekdoten zu den jeweiligen Liedern. Wer Woodkid zuvor bereits live gesehen hat, durchlebt an diesem Abend manch ein Déjà-vu.

Die künstlerische Inszenierung ist den Songs auf den Leib geschneidert. The Boat Song und The Shore werden visuell von Meeresbildern ergänzt, Iron und Run Boy Run von Sequenzen aus den zugehörigen Videos. Letzterer ist auch Teil einer kurzen Zugabe, ehe die Band unter Verbeugen die Bühne ganz verlässt. Das Publikum stimmt vor allem bei den Singleauskopplungen lautstark mit ein und feiert den Franzosen frenetisch. Die Erwartungen an diesen Abend scheinen für die meisten Besucher mehr als erfüllt zu sein.

Es ist ein pompöser Abend, ein lauter und geräuschvoller. Überrollt von der Gewaltigkeit seiner eigenen Musiker, hätte man sich das Film-Orchester vielleicht ein My mehr im Mittelpunkt wünschen können. Am Ende ist es eben doch eine One-Man-Show. Allerdings eine durchaus unterhaltsame, keine Frage.