Eine ausdrucksvolle Stimme, dichte Atmosphäre und starke Texte – das ist die Soul-Sängerin Astrid North. In der Plattenladenwoche war sie in Magdeburg und hat im Hot Rats Recordstore ein kleines Konzert gegeben. Wir waren vor Ort und haben mit ihr über ihr neues Album gesprochen.

 pop10: Wie hat es dich im Zuge der Plattenladenwoche nach Magdeburg verschlagen?

Astrid North: Mir ist eine Liste der teilnehmenden Plattenläden zugeschickt worden, die sich ein Livekonzert vorstellen konnten. Ich habe mich allerdings etwas spät zurückgemeldet, da ich den Auftritt mit den Herbstferien koordinieren musste und so bin ich auf das „Hot Rats Record“ gestoßen. Die Auswahl war also etwas zufällig. Ich habe jetzt zuletzt in Frankfurt am Main und in Karlsruhe gespielt, aber da ich nicht regulär Konzerte gebe, hatte ich überlegt, wo ich bisher noch nicht aufgetreten war – so bin ich auf Magdeburg gekommen. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Plattenladen so klein ist, aber es ist sehr gemütlich, etwas für Liebhaber!

pop10: Deine Karriere hat mit der Band Cultured Pearls begonnen und diese Band war eine langjährige Erfahrung. Wo wart ihr überall?

Astrid: Die Band gab es 12 Jahre – in der Zeit waren wir natürlich viel unterwegs und haben viele Platten aufgenommen; es war eine schöne und aufregende Zeit. Wir waren Österreich, in der Schweiz, in Dänemark, Spanien und wir hatten auch überlegt in Japan eine Tour zu veranstalten, weil dort unser Album veröffentlich worden war. Allerdings ist aus dem leider nichts geworden.

pop10: Du hast in Houston/ Texas deine Wurzeln, aber in den USA bist du nie aufgetreten?

Astrid: Das hätte ich sehr gerne, aber wir waren bei einer deutschen Firma in Hamburg unter Vertrag und deswegen waren keine US-Veröffentlichungen angedacht. Was schade ist, ich hätte mich sehr gefreut.

pop10: Du hast ja bereits als Kind deine ersten musikalischen Erfahrungen mit deiner Familie in den USA gemacht. Wann und wie hast du gemerkt, dass du Musik machen möchtest?

Astrid: Als Kind habe ich das noch nicht gemerkt. Wie in vielen Familien haben wir viel Musik gehört oder Theaterstücke vorgeführt. Erst in meiner Schulzeit in Deutschland habe ich mit einer Schülerband gemerkt, dass ich in diese Richtung gehen möchte.

pop10: Hattest du schon immer deine eindrucksvolle Stimme oder musstest du viel üben?

Astrid: Ich hätte vielleicht viel üben sollen. Ich habe keinen Gesangsunterricht genommen und musste einmal auf einer Tour wegen Stimmproblemen ein Konzert ausfallen lassen. An diesem Punkt war mir bewusst geworden, dass Touren sehr anstrengend sind und ich doch einer Technik und eines Trainings bedarf. Nach dem ersten Album habe ich dann mit Gesangsunterricht angefangen.

pop10: Hast du eine Veränderung gemerkt?

Astrid: Ja! Meine Ausdauer ist dadurch viel besser geworden und ich hatte eine bessere Stimmlage, also einen größeren Tonumfang von Tonhöhen und –tiefen.

pop10: Dein neues Album „Precious Ruby“ ist am 16. September erschienen. Wie lange hast du daran gearbeitet und wolltest mit deinem neuen Album etwas Neues ausprobieren?

Astrid: 2012 habe ich mein erstes Solo-Album veröffentlicht, im Januar 2014 kam das dazugehörige Live-Album heraus und schon zu diesem Zeitpunkt habe ich immer wieder an neuen Stücken gearbeitet – es war also wieder Zeit für mich, an einem neuen Album zu arbeiten. Auch fand ich die Idee des Crowdfunding sehr interessant und über einen Kollegen bin ich an eine Ansprechperson von Pledgemusic weitergeleitet worden. Ich wollte das einfach machen und bin ins kalte Wasser gesprungen.

pop10: Was ist an Crowdfunding so besonders?

Astrid: Im Endeffekt stellt man ein Projekt vor und bittet um finanzielle Unterstützung. Allerdings ist es im Fall von Musikern so, dass die Leute nicht unbedingt wissen, was das für Musik wird. Zwar kennen sie meine Musik, die ich bis dahin gemacht habe, aber ich hätte auch etwas völlig Abgedrehtes machen können; man kauft also die Katze im Sack. Und ich wusste nicht, ob ich viele Menschen mit meiner Idee erreiche. Viele kennen mich aus einer Zeit, in der es Crowdfunding noch nicht gab. Natürlich sind heutzutage alle online unterwegs, aber das heißt nicht, dass man bei diesem unfassbar großen Angebot erreicht wird. Ich hatte schon Befürchtungen, dass ich vielleicht nicht schaffe, was ich mir vorgenommen habe und dass die Leute mich vielleicht gar nicht so sehr unterstützen wollten; aber es hat geklappt.

pop10: Das ist sicherlich ein gutes Gefühl, wenn man ein derartiges Feedback bekommt.

Astrid: Ja! Es ist ein wirklich sehr schönes Gefühl, weil es mir auch Mut gemacht hat. Wenn Menschen dir zeigen, dass sie deine Musik hören wollen und möchten, dass du weitermachst, ist das ungemein motivierend. Musik zu machen ist meine Berufung, die ich nie aufgeben möchte. Aber man fragt sich dennoch manchmal, ob man das langfristig aufrechterhalten kann. Gerade in einer Zeit, in der die Musik sehr dem Mainstream entsprechen muss, um im Radio gespielt zu werden oder man sehr oft Konzerte veranstalten muss – was ich wegen meiner Familie nicht machen kann und möchte. Es stellt sich da die Frage, wie man es schafft, sein Geld zu verdienen und die nächste Platte finanzieren zu können. Und die wollte ich auf jeden Fall machen.

pop10: Der Titel deines neuen Albums „Precious Ruby“ hat eine besondere Geschichte, magst du sie einmal erzählen?

Astrid: Während der Arbeiten zu meiner ersten Solo-Plate ist meine geliebte Oma gestorben, bei der ich als Kind immer gewesen bin. Auf der Beerdigung war auf einem Banner groß „Precious Ruby“ zu lesen. Wir wussten nicht, was das „Ruby“ zu bedeuten hatte oder woher es kam und haben meine Mutter, Tanten und Onkels gefragt. Und sie wussten: Natürlich hieß unsere Oma „Precious Ruby“. Wir fanden das alle sehr rührend und zu dem Zeitpunkt wusste ich, dass ich mein erstes Album so nennen möchte. Allerdings habe ich es nicht gemacht, weil ich es musikalisch nicht ganz passend fand und habe stattdessen den Titel „North“ genommen, so wurde mein Großvater immer genannt. Für mein zweites Album passte es aber sehr.

pop10: Aus welchem Grund?

Astrid: Die Umsetzung war ein wenig anders. Das erste Album war relativ rockig, mit vielen E-Gitarren und mit ein paar Kanten. Die neue Platte ist jetzt runder, weicher und ein bisschen lieblicher als das erste Album – und meine Oma war eben auch rundlich und weich.

pop10: Was hast du versucht in dem Album umzusetzen? Worüber würdest du dich freuen, was der Hörer oder die Hörerin empfindet oder vielleicht auch mitnimmt?

Astrid: Das ist eine gute Frage, allerdings entspricht es nicht ganz meiner Herangehensweise. Ich finde es sehr schön, wie unterschiedlich Menschen die Musik wahrnehmen, denn es ist und bleibt eine Sache des Geschmacks und der Lebensphase. In meinen Platten kommt viel Melancholie vor und dazu muss man ein wenig tendieren – an sich ist es kein Tanzalbum. Zwar gibt es einige Stücke mit Groove, den ich auch sehr wichtig finde, aber es ist ein langsames Album. Ich freue mich also, wenn Menschen Musik hören und besonders freue ich mich, wenn sie meine Musik hören.

pop10: Wie liefen die Arbeiten beim Album ab?

Astrid: Offen gesagt, bin ich immer wieder erstaunt, dass die Arbeit an Alben doch funktioniert, obwohl man zwischendurch immer an Punkte kommt, an denen man nicht weiß, wie man weiter vorgehen soll. Ich wollte mich eigentlich mit den Musikern zwei oder drei Wochen irgendwo einmieten, um das Album am Stück zu produzieren, allerdings haben wir nie gemeinsam Zeit gefunden. Also haben wir uns mehr oder minder blockweise getroffen – an einem Tag haben wir das Schlagzeug aufgenommen, an einem anderen Tag habe ich Grooves gebastelt, wieder an einem anderen hat ein Keyboarder die Bassläufe gemacht und so weiter. Es war stellenweise ein wahres Kuddelmuddel. Aber am Ende habe ich mich einem Mischer anvertraut, der seine Arbeit sehr gut gemacht hat und zusammen haben wir das Album fertiggestellt.

pop10: Wie soll es nach dem neuen Album weitergehen?

Astrid: Es kommen jetzt noch ein paar Berichte in Kulturzeitschriften und auch im Radio und im Frühjahr gehe ich wieder auf Tour.

pop10: Wird es eine große Tour werden?

Astrid: Es wird eher in Blöcken ablaufen; ich fahre ein paar Tage, komme wieder nach Haus und bleibe für einige Zeit. Mit Familie ist diese Planung viel angenehmer, als längere Zeit am Stück unterwegs zu sein.

pop10: Eine letzte Frage: Sind Auftritte schon Routine für dich geworden oder bist du manchmal noch nervös?

Astrid: Es ist immer noch aufregend. Natürlich stellt sich eine Routine ein, weil wir die Stücke schon oft gespielt haben. Früher wusste ich auch nicht, was ich zwischen den Liedern sagen sollte, heute habe ich da keine Angst mehr. Trotzdem verhaue ich das manchmal noch, wenn ich den thematischen Bogen nicht finde. Also ja, es ist immer wieder aufregend, es ist immer wieder ein anderes Publikum, es ist immer wieder ein anderes Gefühl – eigentlich ist es immer neu.