Time goes by so slowly...

Time goes by so slowly...

Zeit und Geld sind wohl die wichtigsten Dinge, die ein Mensch im Leben braucht. Da frag ich mich doch, warum diese beiden Sachen immer miteinander konkurrieren müssen? Wer viel Geld hat, arbeitet oft soviel, dass er keine Zeit hat, es auszugeben. Hat man dann doch mal Zeit, ist das Geld auch schon wieder weg und man muss wieder arbeiten. Das macht doch keinen Spaß! Es muss doch auch anders gehen! Ich finde wir sollten anfangen unsere Zeit zu verschwenden und unser Geld zu genießen!

Und genau das habe ich diese Woche endlich gelernt, denn was bringt es mir denn, wenn ich nach 6 Monaten in Stockholm nichts erlebt habe, weil ich die 10€
Eintritt für die Clubs nicht zahlen wollte? Wenn ich keine Freunde gefunden habe, weil ich nicht bereit war, mir Haarschampoo und Duschbad für komplett wahnsinnige Preise zu kaufen?
Wenn ich keine nette Wohnung gefunden habe, weil ich Angst davor hatte, mir die Luxusbude von Igor Gorbatschowski anzugucken?
Sicher muss man hier einige Opfer bringen, aber ich bin mir sicher,
am Ende zahlt es sich aus!

Fangen wir doch mal ganz chronologisch bei Montag an. Wie die meisten von euch wissen, bin ich ja schon seit einer halben Ewigkeit auf der Suche nach einem Zimmer oder Ähnlichem.
Vergangene Woche hatte ich dann mal wieder ‘ne nette Anzeige im Internet gefunden. Es handelte sich dabei um 3 Leute, die zusammen in ein Haus!!!!, das in einem kleinen Ort im Süden von Stockholm steht, einziehen wollten.
Dort sollte dann eine “ökologische” WG gestartet werden. Das wollte ich mir dann am Montag mal angucken, obwohl die Sache von vornerein schon zwei Haken hatte.
1.
– ich und öko? Jeder der mich kennt, weiß, dass ich nicht sonderlich sparsam mit Zahnpasta, Spühlmittel und Klopapier umgehe und von daher wohl nicht grade ein Ökoimage habe.

Mein Image ist leider nicht aus Öko!

Naja, dachte ich mir, vielleicht kann ich mich ja anpassen.
2. – im Süden von Stockholm.
Das war noch milde ausgedrückt. Im Endeffekt fährt man länger als 20 Minuten mit dem Pendlerzug und ist dann aber noch lange nicht am Ziel.
Dazu dann aber später nochmal. Obwohl die Sache, wie schon erwähnt, von Anfang an nicht gerade für sich sprach, wollte ich es mir trotzdem angucken, denn viel zu verlieren hatte ich ja nicht, dachte ich zumindest.

Um zu dem Haus zu kommen, sollte ich mich vorher mit einem der zukünftigen Mitbewohner und zwei weiteren Bewerbern irgendwo im Hauptbahnhof treffen, damit wir dann von da aus zusammen nach Tullinge fahren konnten.
Das Irgendwo habt ihr hoffentlich nicht überlesen, denn dieser Bahnhof ist scheißgroß und wenn man da nicht genau weiß, wen man wo trifft, findet man ihn nie. Glücklicherweise, hatte ich ja nen Handy (mit ner deutschen Prepaid-Karte) dabei.
So konnte ich Daniel kurz vorher anrufen und fragen, wo genau ich denn hinkommen soll.
Schlau, wie dieser Daniel war, sagte er was von nem Bugerking bei einem Pressebüro. Gut, dass es in diesem Bahnhof nicht ne ganze Mafia von Burgerkings und Pressebüros gab!!! Habe die Leute nach den ersten zwei Anrufen also nicht gefunden. Nach Anruf Nr. 3 kam ich dem Burgerking, von dem dieser Daniel sprach, schon immer näher und plötzlich war mein Handygeld alle.
Geil, dachte ich, Samstag aufgeladen und heute mit Daniel Oberschlau abtelefoniert. Na hoffentlich war es die Sache auch Wert.
Nach ca. 20 Minuten hysterischem Rumrennen im Hauptbahnhof von Stockholm habe ich dann Daniel und die anderen endlich gefunden. Und schon habe ich mich fehl am Platz gefühlt. Die Leute die da vor mir standen, waren tatsächlich Ökos. Ich habe nichts gegen Ökos, aber die Frage ist immer, ob die auch nichts gegen mich haben.

Ich habe nichts gegen Ökos, aber haben die auch nichts gegen mich?

Dass sie nett waren, kann ich nicht abstreiten und das wusste ich auch schon vorher. Aber dennoch fühlte ich mich nicht wohl. Auf der Zugfahrt stellte sich natürlich erstmal raus, dass alle Vegetarier waren, nur ökologische Sachen tragen und einer lebte sogar (fast) nur von den Kartoffeln und Tomaten aus seinem eigenen Garten.
Dass ich 8-lagiges Klopapier benutze und totes Huhn von Lidl esse, verschwieg ich dann mal ganz elegant (zum Selbstschutz). In Tullinge angekommen, machte Daniel Oberschlau den grandiosen Vorschlag zum Haus zu laufen. “Dauert nur 10 Minuten.”, meinte er.
Gegen einen Spaziergang war ja an sich auch nichts einzuwenden. Dummerweise hatte ich an dem Tag weder Handschuhe noch sonst irgendeinen Kälteschutz bei, meine dünne Jacke und meine Stoffschühchen an und der “Spaziergang” dauerte dann ganze 35 Minuten. Aber ich blieb ruhig!

Als wir dann endlich beim Haus angekommen waren, musste ich erstmal schlucken.
Alter Schalter, das war ne Hütte! Also wenn ich 60 bin, dann möchte ich auch so wohnen. Okay, mal im Ernst! Das Haus war echt der Wahnsinn!
Recht groß und richtig nobel eingerichtet. Gehörte einer Familie, die momentan auf Mauritius lebt oder so und ihr Haus an Studenten untervermietet.
Mutig mutig, aber es funktioniert anscheinend. Leider habe ich kein Bild von dem Haus gemacht, aber stellt es euch einfach typisch schwedisch vor.
In etwa so:

Schwedische Häuser

Gut, wie schon gesagt, das Haus war nicht schlecht. Aber es lag definitiv am Arsch der Welt und wenn man schon mal in Stockholm ist, dann will man auch in Stockholm wohnen, oder wenigstens in nächster Nähe (ich zumindest).
Außerdem konnte ich mir nicht so richtig vorstellen, mit den Leuten draußen in Tullinge zu überleben. Die waren ja auch alle viel älter als ich und redeten nur über anstrengende Sachen.
Ich versuchte dann also durch ein angestrengtes, zweifelndes Atmen mein Desinteresse zu verdeutlichen. Klappte nicht so ganz, also wurde ich noch auf ein anschließendes Beisammensitzen eingeladen. “Noch mehr Gespräche über gute Taten?”, dachte ich? Ich hatte mein gesamtes Reportoire an Dingen, die ich tue um die Umwelt zu schützen bereits auf der Zugfahrt ausgeschöpft (war genau ein Wort: Mülltrennung) und bei noch so einem Gespräch würde ich kläglich versagen.
Also versuchte ich es auf meine Müdigkeit zu schieben und war somit fein raus. Nach 3,5 Stunden war ich dann endlich wieder zu Hause.
An dem Tag dachte ich, dass das echt die reinste Zeitverschwendung gewesen war, aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich es mir angeguckt habe.
Ich meine ich weiß jetzt immerhin, dass ich nichts verpasse. Außerdem  bin ich froh, dass ich meine Probleme habe und nicht die von manch anderen :-) Aber trotzdem möchte ich euch bitten, immer schön auf euren Müll aufzupassen!

Am Dienstag wurde meine Mühe endlich mal belohnt. Ich bin zusammen mit einem meiner Mitbewohner (Adam) zu seiner Mama gefahren.
Nanu, denkt ihr euch jetzt sicher. Mama? Was wollte sie denn da? Adams Mama hat eine große Wohnung, in der noch ein Zimmer frei ist, das sie gerne an mich vermieten wollte.
Klingt komisch? Ist es aber gar nicht! Das Zimmer hat einen eigenen Eingang und ist von der Wohnung abgeschnitten. Mit eigenem Klo (ich kauf mir mein eigenes 8-lagiges-Klopapier), nem kleinen Herd und einer Mikrowelle.
Eigentlich alles, was man zum Überleben braucht, außer ner Dusche. Dazu muss ich dann in die Wohnung. Klar, das ganze ist nicht so toll wie eine WG, aber es ist besser als alles, was ich bis heute gesehen habe. Also werde ich wohl Mitte April dort einziehen.

Mittwoch! Am Mittwoch ist nichts passiert, zumindest nichts, woran ich mich heute noch erinnern kann.
Oh doch! Ich habe eine Birne gegessen, obwohl ich wusste, dass ich die nicht vertrage und dann hatte ich den ganzen Abend schreckliche Bauchschmerzen. Habe am Mittwoch gelitten!

Donnerstag ging es mir dann schon wieder besser und somit habe ich mich dann um 21 Uhr in einem überfüllten englischen Pub auf dem Zinkensdamm wiedergefunden. Der Laden hieß South Side und scheint nen echter Renner an einem Donnerstagabend zu sein.
Eine Freundin und ich haben uns da mit anderen Deutschen getroffen.
Erst wollte ich da nicht hin, weil ich mir dachte, bloß nicht noch mehr Deutsche, aber wie immer war ich danach froh, dass ich doch hingegangen war (obwohl ich mich den halben Abend lang mit irgendwelchen antierotischen, 55-Jährigen Engländern unterhalten musste).

Ich sollte mir meine Vorurteile mal abgewöhnen!

Habe an diesem Abend ein Mädel kennengelernt, das genau so tickt wie ich und auch noch die gleiche Musik mag.
Mit ihr habe ich mich dann freundlich angefreundet und dann haben wir auch den Samstag zusammen verbracht.

Aber nochmal zurück zu Donnerstag. Ich möchte euch ja nicht nur erzählen, was mir hier so widerfährt, sondern euch auch an der Musik teilhaben lassen, die ich hier so höre. Am Donnerstag bin ich über eine Freundin ( Grüße an Katti) auf Marina and the Diamonds gestoßen. Da ich mal davon ausgehe, dass viele von euch schon einmal was von ihr gehört haben, wollte ich eigentlich nichts über sie schreiben. Doch als ich am Samstag in einem stylischen Second-Hand-Laden stand und dort ihr Album gespielt wurde und sich meine Laune um 200% steigerte, dachte ich mir, ich muss sie doch erwähnen.
Marina and the Diamonds – das ist der Künstlername der Sängerin Marina Lambridi Diamandis. Sie wurde im Jahr 2008 von einem Talentscout entdeckt und zuvor hatte sie ihre Musik über Myspace verbreitet. 2009 brachte sie ihre erste Single raus (Mowgli’s Road) und in diesem Jahr erschien ihr erstes Album mit dem Namen The Family Jewels. Achso, sie kommt aus Wales und nicht aus Schweden ;-) Momentan ist sie auf Tour und ich habe sie verpasst!!! Gut, ich bin ja noch ne Weile jung… Jedenfalls bin ich total süchtig nach ihrer Musik und alle die sie noch nicht kennen, müssen sie unbedingt kennenlernen! Ich habe hier mal 2 Lieder von ihr für euch, weil ich mich einfach nicht entscheiden konnte :-)

Marina And The Diamonds – I’m not a robot

Marina And The Diamonds – Hollywood

So, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Freitag. Freitag konnte ich schon gegen 14 Uhr von der Arbeit abhauen. Während der ganzen Woche hatte ich da nicht sonderlich viel zu tun, was ich natürlich echt nicht gut fand. Mir ist da oft das Wort Zeitverschwendung durch den Kopf geschossen, aber bei einer Schwangerschaft muss man ja auch neun Monate warten. Nächste Woche mecker ich bestimmt wieder über den Stress (man kann es mir einfach nicht recht machen). Jedenfalls bin ich dann zum Spinning und das war so lala. Da vorne saß ein blond-gelockter Tiffy-Verschnitt, der die ganze Zeit versucht hat, uns mit Britney Spears anzufeuern.

Tiffy unterrichtet Spinning?

Abends war ich dann mit einem meiner Mitbewohner und Freunden von ihm Billiard spielen. So sparsam wie die Schweden doch sind, wollten sie an nur einem Tisch spielen – zu siebent! War spannend! Nein, es war echt ganz witzig, aber so richtig Billiard gespielt habe ich da logischerweise nicht.
Musste dann unter Gruppenzwang auch noch ein kubanisches Bier kaufen und habe mich danach doch schon wieder ein bisschen über das verschwendete Geld geärgert.
Aber was solls! Danach bin ich dann nach Hause gegangen und habe ganz sparsam NICHTS erlebt. Muss wahrscheinlich auch mal sein. Von dem gesparten Geld konnte ich mir dann Samstag Käse kaufen :-) . 2,7 Kilo, Wahnsinn, ganz im Sinne meines Öko-Sparplan.

2,7 Kg Käse - reicht bis Mittwoch

Als ob ich diese Woche nicht schon ökologisch genug unterwegs gewesen bin, war am Samstag von 20:30 bis 21:30 Uhr auch noch die Earth Hour (einige von euch haben hoffentlich mitgemacht).
Das war eine weltweite Aktion zum Klimaschutz, bei der eine Stunde lang das Licht ausbleiben sollte.
Und Stockholm hat mitgemacht, zumindest etwas. Auf dem Kungsträdgården (großer Platz in Stockholm) wurde diesbezüglich eine kleine Show veranstaltet und ich (als Obertouri) musste natürlich dabei sein.
Ein bisschen cool war es schon, als auf diesem großen Platz, der sonst hell beleuchtet ist, um 20:30 Uhr plötzlich die Lichter ausgingen.

Aber nach 3 Minuten war das dann auch schon wieder langweilig. Also sind wir in eine Bar gefahren und haben billiges Bier getrunken. Eine Freundin von mir machte dann den Vorschlag in den Strand zu gehen. Joar gut, dachte ich. Letzte Woche hatte ich ja sehr gute Erfahrungen gemacht, warum dann also nicht?
30 Minuten später wusste ich warum… sie haben an diesem Abend Reggae gespielt und das ist ja nun mal gar nicht meins! 100 Kronen gezahlt, um dann drinnen festzustellen, dass ich am liebsten ganz schnell wieder raus wollte…
Typisch! Aber hier nicht! In Stockholm wird alles mitgenommen, einfach alles, koste es was es wolle! Denn ich bin ja nur einmal jung!

In Stockholm wird alles mitgenommen, einfach alles!

Ja und so kam es, dass ich das erste Mal so richtig zu Reggae abgefeiert habe :-)

Vier Wochen sind nun vorbei und ich habe seit dem alle meine Kassenzettel aufgehoben. Ich frage mich grade warum? Anfangs wollte ich somit versuchen einen Überblick über meine Ausgaben zu behalten, aber mittlerweile will ich die Sache lieber nicht mehr überblicken…
Warum denn auch? Damit ich mich ständig über meine Einkäufe ärger? Davon werde ich auch nicht reicher!
Nein, diese Kassenzettel haben hier nichts mehr zu suchen (die werden sofort an eine Papier-zu-Klopapier-Weiterverarbeitungsanlage geschickt)! Klar, Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist besser! Und ich vertraue darauf, dass ich mehr Spaß habe, wenn ich meine Zeit hier genieße!

Stockholm I am still in love with you! Susi