Es wird ein goldenes Zeitalter in Stockholm

Es wird ein goldenes Zeitalter in Stockholm

Im Zufriedensein war ich noch nie sonderlich gut und ein Lob kommentarlos wegstecken ist für mich undenkbar. Ich muss meinen Selbst-Kritiks-Senf einfach überall dazugeben, selbst wenn er total Fehl am Platze ist. In meiner Muttersprache fällt mir das auch immer recht leicht, aber im Schwedischen fehlen mir manchmal echt die Worte.
Konsequenz: ich muss lernen mit Komplimenten umzugehen.


Einige von euch fragen sich sicher, was ich heute wieder Komisches gefrühstückt habe, oder auf was für einem Trip ich dieses Mal bin
. Nun ja… ich denke der Trip heißt Einsicht und das Ziel ist es, sich mal etwas über das zu freuen, was man leistet oder auch nicht. Hinter mir liegt eine wirklich tolle Woche. Und dieses Mal sind nicht die Parties oder Geschäfte, die ich besucht habe ausschlaggebend für meine Freude, sondern ganz alleine ich selbst :-).

Angefangen hat alles am Montag (ist auch irgendwie logisch, denn so eine Woche fängt ja meist an nem Montag an).
Da dürfte ich, zusammen mit der anderen Praktikantin, mit zu einem Dreh im Globen fahren.
Der  Globen ist eine riesige Konzert- und Eventhalle, mit ungefähr 10´000 Sitzplätzen für kleine und große Veranstaltungen. Dort fand das alljährliche Ericsson “All-Employee Meeting” statt. Ob das jetzt ne Veranstaltung von besonderer menschlicher Wichtigkeit ist oder nicht, sei jetzt mal außen vor gelassen, wichtig ist, dass da der Chef von Ericsson (Hans Vestberg) ca. 7´000 Angestellte zusammen getrommelt hat, um vor denen ne Rede zu schwingen und wir haben den Spaß gefilmt.

Ich war da mit meiner eigenen kleinen Kamera unterwegs und habe so getan, als ob ich was kann. Während der hübsche Hans da eine Power Point Präsentation nach der anderen an die Leinand geschmissen hat und die Leute nach und nach weggepennt sind, bin ich lustig durch die Gegend gerannt und habe die dösenden Zuschauer gefilmt. Das war ein Spaß sage ich euch! Auch wenn mein Material am Ende nicht gebraucht wurde, so war ich doch irgendwie wichtig und zum ersten Mal richtig begeistert von meinem Praktikum.

Ich war zum ersten Mal so richtig begeistert von meinem Praktikum!

Ich hatte endlich mal das Gefühl, in einer Situation zu sein, in die nicht jeder Mensch kommen kann und darauf war ich ein ganz kleines bisschen stolz.

Der Globen von außen

Ja, so war das… Susi im Globen! Tokio Hotel sind dort übrigens auch neulich aufgetreten und Lady Gaga kommt im Mai vorbei ;-) Am Dienstag haben wir im Studio einen kleinen Film eingespielt, der für unsere Firma durchaus wichtig war. Anna und ich haben einige Wochen zuvor die Statisten dafür rausgesucht.
Das war auch ne spannende Arbeit … Unser ursprünglicher Auftrag war es gewesen, “normale”, nicht zu hübsche Menschen auf einer Casting-Seite zu finden und diese dann für einen Film über eine Ericsson-Familie einzukaufen. Hat jemand von euch schonmal versucht “normale” Menschen auf einer Casting-Seite zu finden? Die Sache ist so gut wie unmöglich, zumindest, was die Frauen angeht.

Auf Castingseiten gibt es keine unhübschen Menschen!

Ich übertreibe jetzt vielleicht ein wenig, aber im Großen und Ganzen, findet man da zwar jede Menge Schönheiten und Perfektionistinnen, aber außerhalb von GZSZ und Germanys Next Topmodel sind die alle nicht zu gebrauchen. Irgendwie haben wir es dann aber doch geschafft Statisten zu finden, die in das Bild einer typischen Ericsson-Familie passten. Da der Auftrag wie schon gesagt doch recht wichtig war, waren Anna und ich etwas nervös. Es hing schließlich eine ganze Menge von den Statisten ab, die wir so krampfhaft ausgesucht hatten. Von insgesamt 5 Statisten waren 4 richtig gut und nach insgesamt 7h im Studio, konnten wir  zufrieden nach Hause fahren.

Arbeit im Studio

Statist vor Green Screen

Der Mittwoch stand im Zeichen einer Eigenproduktion á la Praktikant. Unser lustiger Chef Petter hatte uns am Freitag den tollen Auftrag erteilt, einen Film über einen gewissen David zu machen, der für den Time Report aller Mitarbeiter verantwortlich ist. Das Thema hört sich jetzt sicher nicht sehr spannend an und das genau war auch das Problem. Wir sollten versuchen, einen spannenden Film über die undankbare Aufgabe des Eben-Benannten zu drehen und ihm damit seine Arbeit vielleicht etwas zu erleichtern. Nachdem wir ca. 1,5 Tage an der Ausarbeitung eines fast perfekten Skriptes saßen (ich habe schon eine Menge dazu gelernt, was das angeht), konnten wir dann am Mittwoch endlich drehen und anfangen zu schneiden. Am Donnerstag setzten wir dann unsere Arbeit fort. Da Anna noch nie mit Final Cut gearbeitet hatte (oder nur sehr wenig), konnte ich die lustige Arbeit ohne schlechtes Gewissen an mich reißen :-). Anna hatte am Freitag ihren letzten Arbeitstag und wollte gerne dabei sein, wenn der Film das erste Mal gezeigt wird.  Das hieß für mich Power-Klipping der besonderen Art und Kollegen stressen bis zum “Geht-Nicht-Mehr”. Wir hatten viele Szenen vor einem Greenscreen gefilmt und wollten unbedingt ganz viele tolle Spezialeffekte einbauen, die man nur leider nicht in Final Cut bearbeiten konnte. Also musste ich ständig jemanden zu mir zerren, der mir bei After Effects den einen oder anderen Trick beibringen konnte.

Ich habe mir den Titel “Obernervensäge” ehrlich erarbeitet!

Ich bin meinen lieben männlichen Kollegen sicher ganz schön auf den S..k gegangen, aber am Ende hat es sich tatsächlich gelohnt – was aus meinem Munde soviel heißt wie: der Film ist gut geworden.
Zumindest meinten das meine kritischen Kollegen. Ich war natürlich nicht so richtig mit dem Ergebnis zufrieden, aber als mein Chef dann wissen wollte, mit was genau ich denn nicht zufrieden war, fehlten mir die Worte (oder das Vokabular).
An dieser Stelle musste ich also kampflos aufgeben und mich einfach mal loben lassen. Das tat sogar irgendwie gut!

Diese Arbeitswoche hat mir genau 3 Dinge gezeigt: 1. mein Praktikum ist gar nicht mal so schlecht, 2. manchmal sind meine Ideen und Fähigkeiten gar nicht so mies, wie ich immer denke und 3. man darf sich auch mal über seine Arbeit freuen :-)! Vielleicht darf ich den Film ja auch außerhalb der Arbeit verwenden – dann dürfen diejenigen von euch, die es interessiert, mal einen kleinen Blick darauf werfen ;-)

Natürlich war ich in der letzten Woche nicht nur auf der Arbeit, sondern auch anderswo unterwegs. Am Mittwochabend z.b. war ich zusammen mit einer Freundin in der Lilla Hotellbaren im Hotel Scandic Malmen. Dort treten unter der Woche oft Live-Bands (für umsonst) auf und danach legen meist witzige DJ’s auf. Das Besondere an dieser Bar ist wohl das etwas andere Ambiente und das Publikum, das davon angelockt wird.

In der Lilla Hotellbaren trifft schräge Musik auf vornehmes Ambiente!

Anders ist es dort, weil dort die schrägsten Bands und die schrägste Musik auf eine sehr vornehme Hotelbar trifft. Passt irgendwie nicht zusammen aber irgendwie schon wieder doch (wenn ihr wisst was ich meine). Ich habe sogar ein (schlechtes) Bild machen können :-)

Lilla Hotellbaren Folkkungagatan 47

Am Freitag habe ich dann mein Versprechen eingelöst und mir mal das Maria Laveau genauer von innen angeguckt. Ich hatte den Laden schonmal erwähnt und zumindest die Bar weiterempfohlen. Dieses Mal wollten wir uns den Clubkeller mal genauer angucken, und das haben wir auch getan! Mein Urteil? Ähm naja, wie man es nimmt? Gut war, dass man vor 23 Uhr umsonst reinkommt. Und gut war auch die Location (Keller halt) und Musik (wenn man Stockholm-Elektro mag).
Schlecht war, dass ich mir da wie ne Oma vorkam, da der Großteil der Gäste bestimmt unter 20 war. Noch schlechter war allerdings, dass ich mich da wie so ein mariniertes Stück Fleisch auf dem Weg in die Pfanne gefühlt habe. Ständig wurde man von irgendwelchen Typen umzingelt und auf die billigste Art zu gelabert.
Also für eine verzweifelte einsame Frau, die gerne ein paar Spackos kennenlernen will, wäre dieser Abend wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen gewesen. Ich empfand es allerdings als sehr nervig und anstrengend, dass man alle zwei Minuten schräg von der Seite angemacht wurde. Ich konnte den “super-kreativen” Flirtspruch: “Sprechen Sie Deutsch?” dann irgendwann auch nicht mehr hören und wenn mir noch einmal Einer so kommt, dann knallt´s :-).

“Sprechen Sie Deutsch?” – Noch einmal und es knallt!

Schade eigentlich, dass an diesem Abend so viele Idioten unterwegs waren und mein Eindruck vom Maria Laveau jetzt eher nicht so positiv ausgefallen ist. Aber jeder hat ja eine zweite Chance verdient. Irgendwie bin ich nämlich davon überzeugt, dass es da auch mal ganz nett sein kann, man muss nur die richtige Party abfassen.

Nachdem ich auf Grund von ständig belegten Waschmaschinen, diese Woche nicht zum Waschen gekommen bin und zwei Tage hintereinander gezwungen war, schon getragene Socken anzuziehen, hatte ich mir am Samstagmorgen überlegt, dass ich mal wieder shoppen gehen könnte. Als ob man in Stockholm keine Auswahl hätte, habe ich mal wieder nur bei H&M zugeschlagen (und noch nicht mal Socken habe ich gekauft). Es ist doch echt traurig, dass ich sogar hier so oft bei H&M einkaufen muss. Aber was soll ich denn machen? Bin ja schließlich ehemalige Mitarbeiterin…so schnell kommt man von dem Laden nicht weg, ist wie mit Zigaretten!

H&M vermeiden ist wie mit dem Rauchen aufhören (sagt die ewige Nichtraucherin)!

Abends hatte ich mich dann mit ein paar Freundinnen zum feiern verabredet. Dieses Mal stand der Debaser Slussen auf dem Plan, mit dem ich vor zwei oder drei Wochen schonmal Bekanntschaft gemacht hatte. Auch an diesem Samstag sollte wieder eine Band auftreten und auch diesen Samstag sollte einen der Spaß 100 Kronen kosten. Die Band A Sunny Day In Glasgow hat ihren Job auf der Bühne ganz gut gemacht, aber einen Platz in meinem Herzen hat sie nicht gefunden. Für mich ist ihre Musik zu unruhig und einfarbig (wenn ich das so ausdrücken darf), aber vielleicht gefällt sie euch ja. Und noch zur Info: A Sunny Day In Glasgow ist eine aus Amerika (Philadephia) stammende Indiepop-Band, die seit 2005 existiert. Bisher sind 4 Alben der Band entstanden.

Auch wenn die Band jetzt nicht so ganz in meinem Musikgeschmack passt, fand ich sie wie schon gesagt live gar nicht so übel. Im Anschluss legten die DJ:s von Fritz´s Corner auf. Laut Stockholmer-Mundpropaganda gehörten die Parties von Fritz´s Corner” zu den besten in Stockholm, aber mich konnten die Kumpels mit dem, was die da durch ihre Lautsprecher wummern ließen, nicht so ganz überzeugen.

Die Parties von Fritz´s Corner sollen angeblich die besten sein!

Die Musik war in die Kategorie 90er-Jahre Pop einzuordnen. Dagegen kann man ja an sich noch nicht soviel sagen, aber bei Super Trouper von Abba hört der Spaß dann doch auf! Lustig war es dann aber doch irgendwie und spätestens nachdem ich 100 Kronen auf dem Boden gefunden hatte (was dem Eintritt entsprach), war ich davon überzeugt, dass der Abend gelungen war.

So. Das alles und nicht mehr und nicht weniger habe ich in der letzten Woche erlebt. Obwohl, eins fällt mir doch noch ein! Ich habe ein neues Lieblingscafé. Es liegt ausnahmsweise mal nicht auf Södermalm sondern in Vasastan. Ich rede vom Café 60 und dort gibt es die besten Zimtschnecken (Kanelbullar) ganz Stockholms (zumindest manchmal :-) )!

Leckere Kanelbulle aus dem Café 60

Die Preise sind dort ok und es ist immer voll. Wer sich also mal was Gutes tun will, kann dort ruhig mal vorbei schaun!

Café 60 - Sveavägen 60

Nun bin ich aber wirklich am Ende angekommen und viel will ich auch gar nicht mehr dazu sagen, denn im Moment geht es mir einfach nur gut :-) Ich wohne jetzt seit einer Woche in den Blöcken von Sundbyberg und auch wenn ich davon noch immer nicht so begeistert bin, fühle ich mich doch sehr wohl hier. Ich mag mein Zimmer und meine Vermieterin und naja, dass ich jetzt nicht mehr mitten in der Stadt wohne ist halt auch etwas, an das man sich gewöhnen kann. Ich hatte eine tolle Arbeitswoche, habe gelernt mich über ein Lob zu freuen und wenn die olle Aschewolke endlich mal verschwindet bekomme ich diese Woche auch endlich mal Besuch! Drückt mir deshalb die Daumen und vergesst mich nicht ;-)

Susi