Das mittlere Wochenende im Juli gehört bekanntlich dem Melt-Festival. Neben dem gewohnt exzellent kuratierten Programm kam es dieses Jahr mit einigen Neuerungen daher: Das Ausrufezeichen wurde aus dem Namen gestrichen, die beiden großen Bühnen wurden zu einer Main Stage zusammen gelegt, weibliche Headliner waren dieses Jahr in der Überzahl und auch sonst stand das Festival ganz im Namen von Vagina Love.

Das Festivalgelände

Das Festivalgelände

Vor 10 Jahren hat sich Panic! At The Disco dem Ausrufezeichen ihres Bandnamens entledigt. Eigentlich ist dieser Move nicht unbedingt mit positiven Entwicklungen belegt, im Falle des diesjährigen Melt Festivals jedoch definitiv: Eine Zentrierung auf das Wesentliche, mehr Platz für Kunst und ein im deutschen Festivalkosmos wohl einzigartig weibliches Line-Up.

 

The Internet eröffneten den Freitag

The Internet eröffneten den Freitag

Nachdem am Donnerstag unter anderem Boys Noize auf dem Sleepless-Floor eingeheizt hatte, startete der Festivalfreitag mit The Internet auf der Hauptbühne, die einen gemischten Output aus Band- und Solo-Werken zum Besten gaben. Der kurz darauf folgende Auftritt von RIN musste leider entfallen, er wurde kurzerhand durch Yung Hurn ersetzt, was niemanden zu stören schien. Parallel eröffnete BLVTH die Superdry Sounds Stage und gab sie kurz danach für die wundervolle Au/ra frei. Die Stage hinter den Containern war ein Ort für hoffnungsvolle Newcomer und hätte noch viel mehr Besucher verdient.

Das beste an Yung Hurns Auftritt waren diese luftigen Typen

Das beste an Yung Hurns Auftritt: Diese luftigen Typen

BLVTH auf der Superdry Stage

BLVTH auf der Superdry Stage

Cigarettes After Sex hauchten auf der Main Stage ins Mikro. Tyler The Creator, Junglepussy und Tommy Cash waren die weiteren Highlights des Freitags, bis dann Florence + The Machine mit elfenhafter Action-Performance den Topact des Abends lieferte. Durch den Wegfall der Zeltbühne, ehemals zweitgrößte Location des Festivals, gab es mehr Platz vor der Main Stage und keine zeitlichen Konflikte mehr. Aus meiner Sicht eine positive Entscheidung, vielleicht aber auch ein Zeichen dafür, dass namhafte Indie-Acts in der Populär-Musik aktuell in der Unterzahl sind.

 

Strandfeeling vor der Meltselektor-Bühne

Strandfeeling vor der Meltselektor-Bühne

Der Samstag startete mit Public Viewing auf der von Modeselektor kuratierten Meltselektor-Bühne. Gurr eröffneten die Main Stage, gefolgt von der fantastischen Alma, mein persönliches Highlight des Festivals. Hundreds, Odesza und die großartige Sevdaliza folgten mit wie erwartet packenden Shows, sowie die “Hannah Montana der Club Kids” Nina Kraviz auf der Big Wheel Stage. Topact auf der Main Stage war die dark-girl-gone-ultra-feminist-icon Fever Ray. Kurz vor Start ihres Konzerts trat die Drag Show der Berliner Queen Pansy auf die Bühne und lieferte eine 10-minütige Ode an das weibliche Geschlecht. Alle, die danach noch stehen konnten, wurden von The Blaze in den wohlverdienten Schlaf verabschiedet.

 

Warten auf den Shuttle-Bus

Warten auf den Shuttle-Bus

Pansy: Mit Vagina-Mützen auf der Mainstage

Pansy: Mit Vagina-Mützen auf der Mainstage

Während des gesamten Wochenendes fanden Performances und Installationen im “Art Space”  und dem diesjährig erstmalig eröffneten “Art Forum” im Wald statt. Hier konnte man unter Anderem das Kunstwerk von Pollyester bestaunen, die im 2-Stunden-Takt eine fesselnde Mischung aus Videoinstallation und halbstündiger Gesangs-Performance darbot. Die ebenfalls im Wald gelegene Sensi Stage sorgte für Fusion-Feeling auf dem Melt.

Marcel Puntheller auf der Sensi Stage

Marcel Puntheller auf der Sensi Stage

Pollyester beim Art Forum im Wald

Pollyester beim Art Forum im Wald

Einen traurigen Nachgeschmack hingegen hinterließ der Autoscooter des Intro-Magazins direkt am Eingang des Geländes, denn hier feierte die Zeitschrift und langjähriger Partner des Festivals seine endgültige Abschiedsfahrt.

 

Der Autoscooter von Intro :(

Ein letztes Mal im Autoscooter mit Intro :(

In Meltopia auf dem Zeltplatz versammelten sich die Angebote verschiedener Aktivismus-Gruppen. Größter Hingucker in diesem Jahr ohne Frage das “Vagina-Zelt” der goalgirls, die mit Pussy-Workshops und Bloody Mary-Drinks über die weibliche Menstruation aufklärten.

 

Das Mentruations-Zelt der goalgirls

Das Mentruations-Zelt der goalgirls

Unsere männlichen Zeltnachbarn quittierten, dass es nächstes Jahr mal wieder Zeit für mehr Penis-Content wäre. Nachdem am Sonntag mit Little Dragon, Princess Nokia und The XX ebenfalls weibliche Künstlerinnen die Topacts des Line-Ups bildeten, könnte man tatsächlich den Eindruck bekommen, dass wir 2018 endlich ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auf den großen Bühnen erreicht haben und es keine Rolle mehr spielt, ob nun Mann oder Frau auftritt. Schaut man jedoch nach links und rechts auf das Line-Up der anderen deutschen Festivals stellt man enttäuschend fest: Dieser Eindruck trügt.

 

Omnipräsent auf dem Festival dieses Jahr: Aufblasbare Badetiere

Omnipräsent in diesem Festivaljahr: Aufblasbare Badetiere

Discokugel im Abendlicht

Discokugel im Abendlicht

(Alle Fotos © Leonie Scholl)