Ich wollte einfach nur auf die Toilette gehen aber was ich dort vorfand, erforderte das Gehirn eines Nobelpreisgewinners und die Fingerfertigkeit eines Neurochirurgen. Das Leben ist kompliziert,  aber kann nicht wenigstens auf die Toilette gehen einfach sein?

Auf dem MELT wundern sich wahrscheinlich viele Leute. Die einen wundern sich über eine Änderung im Line-Up, die anderen über das Essen, Besucher die zu viel oder zu wenig getrunken haben, das Wetter oder einfach nur sich selbst. Ich habe mich heute über das Presseklo gewundert – eine Quintessenz von merkwürdigem Design und unpraktischer Funktionsweise gepaart mit skrupellosen Klofrauen und einer untypisch starken Repräsentierung von Minderheiten.

Als ich das erste Mal am Security vorbei die Toilette für Production-Mitarbeiter und Pressevertreter aufsuchte, fiel mir als erstes die Verteilung der Kabinen auf. Betritt man den heiligen Boden des Sanitärgeländes, erstreckt sich vor einem eine Reihe von Containern, die mit Funktion und Zielgruppe beschriftet sind. Zu meinem Erstaunen sind von den 6 Containern die jeweils in einen weiblichen und einen männlichen Bereich aufgeteilt  sind, nur 2 Toiletten. Die restlichen 4 Container beinhalten lediglich Duschen. Was soll uns diese Aufteilung nun sagen? Haben die Veranstalter des Festivals sich etwas bei ihrer Entscheidung gedacht, vorher intensive Marktforschung betrieben und sind letztendlich zu dem Schluss gekommen, das mehr Besucher des Sanitärbereichs das Verlangen nach einer kalten Dusche haben, als nach dem Ausscheiden von Endprodukten der Vitalfunktionen? Denken sich die Leute die sich dabei was gedacht haben vielleicht, dass Presseleute eh keine Zeit haben Wasser zu trinken, oder ihr Geschäft lieber im Wald verrichten? Ist nicht der gängige Tonus auf Festivals, sich eher nicht bzw. nicht allzu oft zu duschen? Mir schien diese Übermacht der Duschen jedenfalls höchst verdächtig.

Das "Waschbecken"

Als ich dann in einem der letzten beiden Container endlich Toiletten fand, gab mir die Klokabine ein weiteres Rätsel auf. Wie wäscht man sich verdammt nochmal die Hände? Ich sah einen Wasserhahn, der mich eher an den Anschluss für eine Waschmaschine erinnerte, als an ein Waschbecken. Nun geht es mir ja nicht um das Aussehen des Wasserhahns aber ich konnte auch nirgendwo Amaturen erkennen. Wie bringt man diesen rätselhaften Hahn dazu, Wasser zu speien? Obwohl ich nirgendwo eine Lichtschranke erkennen konnte, hielt ich meine Hände in alle erdenklichen Winkel der Kabine, das kühle Nass ließ aber trotzdem auf sich warten. Ratlos stand ich also mit kontaminierten Händen vor dem Wasserhahn und wartete auf einen rettenden Einfall. Ich fing an, an dem metallischen Gewinde herumzuschrauben, dass sich allerdings trotz massiven Kraftaufwands nicht bewegen ließ. Als ich mich weiter nach unten vorarbeitete und beim schwarzen Stück des Hahns ankam, liefen plötzlich ein paar Tropfen Wasser in den Seifenhalter/Waschbecken. Ungläubig begann ich weiter an der schwarzen Plasteverkleidung zu drehen, die keineswegs fest angebracht war, sondern um den metallenen Teil des Hahns kreiste, wie ein Hoolahoop-Reifen und eine 11-jährige. Obwohl ich an des Rätsels Lösung angelangt war, konnte ich immer noch nicht richtig glauben, dass ich wirklich jeweils mit einer Hand das schwarze Etwas auf Hochtouren bringen muss, während ich meine andere Hand mit sich selbst wasche. Von Seife natürlich keine Spur und auch Tücher oder einen Fön sucht man vergebens. Ist das Öko?

die Vogelperspektive

Während sich die Scham über mein menschliches Unvermögen langsam verflüchtigte, fiel mir auf dem Weg nach draußen noch ein weiteres verwirrendes Detail auf. Auf dem Boden der Kabine waren Klopapierrollen gestapelt. Nein! Sie sind nicht gestapelt, sie sind in einer Art vertikalen Klopapierrollen-Halterung verankert. Doch was macht diese Halterung 3 cm über dem Boden? Warum ist sie links unten neben der Tür angebracht? Ich machte für mein Erstaunen die unrealistische Vogelperspektive verantwortlich und setzte mich auf den Toilettendeckel um die Positionierung der Aufhängung aus einer authentischen Situation heraus Beurteilen zu können, doch selbst jetzt waren die Klopapierrollen zu niedrig und zu weit entfernt angebracht. Dazu kam, dass das Ende der Rolle stets auf dem leicht feuchten Fußboden klebte und man also, wenn nur eine Rolle zur Verfügung gewesen wäre, die Wahl gehabt hätte, ob man das Ende der Rolle aus dem feuchten Papiermatsch fischt oder lieber ein gutes Stück Klopapier als Toleranzbereich in ein feuchtes Grab verabschiedet.

die Klopapierrollen-Aufhängung

Für den Nachschub an Klopapier sorgten die omnipräsenten Klofrauen, die bei ihrer Arbeit allerdings genauso wenig Zurückhaltung zeigten, wie die Securities an der Main Stage. Egal ob offen oder geschlossen, dem Generalschlüssel der Klofrauen hält keine Kabinentür stand. Besonders bemerkenswert ist vor allem das Erstaunen der “Facility Managerinnen”, das auch bei der 20. Verschlossenen Tür, hinter der ein verdutzter Nutzer wartet, kein Ende zu kennen scheint. „Achso, da ist jemand drin!“ hallt es durch den Container, und das vermeintliche Echo entpuppt sich als Stimme der 2. Klofrau, die dieselbe Entdeckung ein paar Türen weiter macht.

Wer mein Erstaunen nicht nachvollziehen kann, hat wohl einfach mehr Erfahrung mit Festival-Presseklos. Ich für meinen Teil hätte diese Nacht wohl von diesem Klo geträumt wenn ein Freund mich nicht entzaubert hätte und mir den Grund für all die Absurditäten nannte: „Das ist eben Öko!“ Achso, na dann…