“Ein Wesen zwischen den Welten mit Flügeln, die viel zu lang verharrten und Beinen, die schwer geworden waren” – so beschreiben sich Atlas Bird selbst. Nunmehr mit viel Schwung tourt die junge Leipziger Band durchs Land, um ihren epischen Songs Gehör zu verschaffen. Wir freuen uns, dass sie auch einen Abstecher in unser Studio gemacht haben.

Jeder von euch hat ja bereits eine musikalische Vergangenheit. Martin und Erik, ihr kommt aus der Indie-Szene und Axel aus der Elektro-Metal-Szene. Erste Frage, wie funktioniert Elektro und Metal?

Axel: Ich hab nicht beides miteinander kombiniert. Erstmal Metal, dann Elektro. Und das in verschiedenen Bands. Lediglich personell wurde kombiniert.

Martin: Herr Kunz ist mittlerweile schon so lange auf der Welt, dass er quasi sämtliche Trends mitgemacht hat.

Axel: Jetzt habe ich mich entschieden keinem Trend mehr zu folgen, deswegen bin ich jetzt in dieser Band (lacht).

War von vornherein dieser Mix aus Indie und Elektro geplant?

Martin: Es gab eigentlich kein Ziel als solches. Die Idee war, dass wir alle schon recht lang miteinander befreundet waren, es aber nicht geschafft haben, alle drei in einer Band zu spielen. Mit dem gemeinsamen Wohnort in Leipzig passte es endlich und war irgendwie ganz cool, einen eigenen Proberaum mal zu haben und gemeinsam Songs umzusetzen. Sich auszuprobieren. Der Beginn unserer Band.

Martin, Erik und Axel (v.l.) sind Atlas Bird. Foto: Marco de Haunt

Martin, Erik und Axel (v.l.) sind Atlas Bird. Foto: Marco de Haunt

Was sagt ihr zur Newcomer-Szene? Denkt ihr, sie bedarf mehr Förderung?

Erik: Gefördert werden muss grundsätzlich. Es ist zu wenig, was momentan passiert. Die meisten sind eher auf sich allein gestellt sind.

Martin: Wir sehen uns auf jeden Fall nicht so als die typische Newcomer-Band, die auf diversen Contests spielt. Für uns war einfach wichtig, gemeinsam Musik zu machen. Aber ich glaube schon, dass in der Newcomer-Szene eine Veränderung stattfand. Gerade was die Förderung angeht. Die Initiative Musik ist da sicherlich an erster Stelle deutschlandweit zu nennen. Die haben uns zu Beginn des Jahres eine Tour durch Polen finanziert. Ich denke, in den kommenden Jahren wird noch mehr geschehen, gerade da in Belgien und in Skandinavien so viel mehr passiert als in Deutschland. Qualitativ ist es merklich besser geworden, was die deutsche Musikszene an neuer Musik und Bands hervorbringt.

Was ist das Schönste und das Schlimmste, was euch in naher Zukunft passieren könnte?

Martin: Also in naher Zukunft fände ich es ganz schön, wenn unsere EP rauskommt. Das wird im Dezember passieren. Ansonsten hoffe ich, dass es so weitergeht wie bisher. Das ist nicht zuletzt auch unserer Freundschaft geschuldet, da wir ziemlich gut miteinander auskommen. Schlimm wäre es, wenn der Bus geklaut oder leer geräumt wird. Dass unser Equipment geklaut wird aus dem Proberaum oder wo auch immer, davor habe ich Angst. Schlimm wäre auch gewesen, wenn sich Axel vor zwei Tagen in Bremen die gesamte Hand abgerissen hätte und nicht bloß die Fingerkuppe.

Axel: Die Fingerkuppe ist noch dran. Aber die Karriere als Konzertpianist kann ich wohl an den Nagel hängen. Beim Tragen hat sich mein Finger zwischen Türrahmen und Bassbox geschmuggelt. Er riss einmal der Länge nach auf. So durfte ich schön nachts in die Notaufnahme Bremen und ihn zusammen nähen lassen. Aber alles gut, habe danach noch ein Konzert gespielt.

Ohje, Anzahl der Stiche?

Axel: Ich hab nicht hingeguckt. Ich trau mich nicht.

Martin: Mehr als fünf.

Spotify hat eure Single in eine Playlist aufgenommen. Wie steht ihr zu Musikstreamingdiensten? Befürwortet ihr solche Plattformen, obwohl man da keine Einnahmen macht?

Martin: Keine Einnahmen ist falsch, obwohl es aus der Sicht der Musiker vielleicht nicht unbedingt im Verhältnis steht. Ich finde Musikstreamingdienste generell sehr gut. Wir drei nutzen das auch ständig. Musiker müssen sich vielleicht eine andere Einnahmequelle suchen, um davon leben zu können. Alles andere ist überholt. Es bedarf neuer Ideen. Wir erreichen durch Spotify einfach viel schneller und kürzer die Hörer. Und in bekannte Playlists zu gelangen, ermöglicht uns zu sehen, wie wir von den Leuten angenommen werden. Das ist ein Riesenvorteil.

Axel: Wichtiger Punkt ist wirklich, dass wir es selber nutzen. Unser eigenes Nutzerverhalten hat sich geändert. Dann können wir uns auch nicht beschweren, dass die Leute keine CDs kaufen wenn wir selber keine kaufen.

Kein schlechtes Gewissen, dass der Interpret nur ein paar Cents erhält?

Martin: Manchmal schon. Aber es beruhigt mich zu wissen, dass ich geile Musiker mit dem Kauf eines Tickets oder von Merch unterstützen kann.

Es ist ja gerade eine ziemlich rechte Partei in den Bundestag eingezogen. Wie würdet ihr die politische Auswirkung auf die Musik einschätzen?

Martin: Die Kulturlandschaft wird nicht nur durch den Einzug der AfD verändert.Generell verschiebt sich alles ein wenig rechts, ein wenig konservativ. Kultureinrichtungen werden politisch immer wieder in Frage gestellt. Wie zum Beispiel die Diskussion über die Rote Flora in Hamburg zum G20-Gipfel. Irgendwie entstehen Ängste, was in diesen Zentren passiert, was nicht immer unter Kontrolle zu sein scheint. Das finde ich etwas beängstigend, weil die Kulturlandschaft davon lebt, dass es ein großer freier Raum ist und Leute etwas ohne Kontrolle entwickeln können. Das braucht es einfach.

Axel: Ein anderer Effekt ist natürlich, dass sich die Künstler wieder politisieren. Viele machen was und springen auf den Zug auf. Jeder, der klar denken kann, hat das Gefühl “Irgendwie muss ich jetzt mal was machen”. Ich hab schon das Gefühl, dass es politischer wird, was auch Zeit wird. Bezogen auf deutschsprachige Songs gibt es im Moment so eine unsägliche Soße an Zeug, was man nett finden kann, aber keinen Inhalt hat. Da finde ich es gut, dass jetzt die Chance ergriffen wird, politischer zu texten oder sich irgendwie zu engagieren. Das ist ein guter Effekt im Schlechten.

Erklärt die GEMA in drei Sätzen!

Axel: Die GEMA ist die Mitte aus Kleingartenverein, ADAC und Finanzamt.

Martin: Ich finde die GEMA ist schon irgendwie notwendig. Ich kann dazu nur nichts witziges sagen. Musik muss finanziert werden. Und jemand muss kontrollieren, dass auch Einnahmen generiert wird. Doch ein transparenteres und übersichtlicheres System wäre ganz gut. Und davon ist die GEMA aktuell sehr weit entfernt. Noch heute verstehen wir nur die Hälfte unserer Abrechnungen.

Axel: Was man ihnen aber zugute halten muss, ist die Einstellung der dort arbeitenden Leute. Die haben diese selbstironische Distanz und wissen selber, dass das ein Riesenmoloch ist. Die müssen selber damit klar kommen.

Passieren auf Tour bei euch verrückte Dinge?

Martin: Wir sind alle schon zu ruhig und so alt, dass wir das alles sehr gelassen angehen und da wenig verrückte Momente entstehen. Kleine Sudoku-Turniere, das sind die verrückten Momente bei uns.

Axel: Das wird dann manchmal hart unterbrochen, je mehr getrunken wird am Abend und dann kann mal was… Aber das wissen wir ja auch nicht mehr jetzt. Aber Sudoku ist schon ziemlich verrückt.

Bingo?

Axel: Bingo, nee. Das ist mir zu aufregend.

Die EP “Escapia” wird am 8.12.2017 veröffentlicht. Für das Jahr 2018 planen Atlas Bird eine Tour und natürlich Festivalauftritte. Wir wünschen viel Erfolg und hoffen, spätestens zum Erscheinen ihres ersten Albums, sie erneut in Magdeburg begrüßen zu dürfen!

Das Interview führte Marvin Jimenez.