Einen Hang zu Dramatik, Musik zum Tanzen und vor allem jede Menge Interaktion mit dem Publikum bekamen die Besucher der Factory letzten Freitag zu Gesicht und vor allem auf die Ohren. Die Band Itchy Poopzkid aus Eislingen an der Fils sind bekannt für ihre Live-Peformances und Konzerte, die einfach Spaß machen. Auch in Magdeburg wurde wieder so manche Erwartung übertroffen – obwohl die Zahl der Besucher eher traurig aussah.

Rockkonzerte in Magdeburg sind erfahrungsgemäß eher weniger gut besucht. Letztes Jahr hatten Itchy Poopzkid auf ihrer SIX-Tour Teil 1 ausverkaufte Clubkonzerte in ganz Deutschland. Umso merkwürdiger ist es, dass die Factory am Freitag vor dem Konzert wirklich spärlich gefüllt war. Sollte das schon alles sein? Wo waren die Fans der guten Musik?

Gegen 21 Uhr betritt ein Mann mit Gitarre die Bühne. Er fängt an zu spielen und dazu ins Publikum zu brüllen, ganz ohne Mikro. Nein, er macht keinen Soundcheck für die Band. Tim Vantol aus Amsterdam ist da, um das Publikum für Itchy Poopzkid anzuheizen. Später schnappt der Singer/Songwriter doch das Mikrofon. Mutig, mit Akustikgitarre Vor-Act einer punkigen, lauten Rockband zu sein, möchte man meinen. Aber Vantol bringt das Publikum trotzdem in Fahrt, erzählt in sympathischer Weise von seinen Erfahrungen auf Tour und seinen Songs. Die Leute singen mit und schon bald ist die Bühne wieder leer.

Einen dramatischeren Einstieg für ihren Auftritt hätten sich Itchy Popzkid kaum aussuchen können: Aus den Lautsprechern ertönt die Titelmelodie zum Film Requiem For A Dream, ehe die drei Schwaben endlich die Bühne betreten und loslegen. Die meisten Leute sammeln sich direkt vor der Bühne und beginnen, abzuhotten. Bierbecher fliegen, es wird gepogt und gehüpft. Die Stimmung steigt.

Zwischendurch springt Sibbi mit Gitarre ins Publikum und heizt die Menge aus der Mitte heraus. Spätestens jetzt sind alle voll bei der Sache. Die Magdeburger präsentieren sich als textsicher und feierwütig. Schon kurz darauf beginnen die ersten mit dem Crowdsurfing.

Sibbi im Publikum. Foto: Sarah Düvel, 2016.

Sibbi im Publikum. Foto: Sarah Düvel, 2016.

Einen weiteren Höhepunkt erleben wir, als Panzer den Song As Long As I Got Chords solo performt, auch das tut er zwischen den Konzertbesuchern. Alle setzen sich hin und lauschen. Ein einzelner Scheinwerfer sorgt für romantische Stimmung. Man könnte meinen, wir wären bei einem Wohnzimmerkonzert gelandet.

Panzer singt solo zwischen den Konzertbesuchern. Foto: Robert Stilke, 2016.

Panzer singt solo zwischen den Konzertbesuchern. Foto: Robert Stilke, 2016.

Panzer im Publikum. Foto: Sarah Düvel, 2016.

Panzer im Publikum. Foto: Sarah Düvel, 2016.

Doch bald darauf geht es wieder los. Pogo, Moshpits, Headbanging, Jumps. Plötzlich fragt Sibbi einen Jungen im Publikum: „Was ist denn?“ „Ich möchte spielen!“, antwortet er und nimmt den Musikern damit schon den nächsten Schritt vorweg. Bei jedem Konzert sucht sich Itchy Popzkid einen Fan, der sie beim Song Silence Is Killing Me am Schlagzeug begleitet. Der Junge heißt Felix. Selbstsicher behauptet er, Magdeburg würdig vertreten zu können und setzt sich an die Drums. Er behält Recht und gibt alles.

Felix an den Drums bei "Silence Is Killing Me". Foto: Robert Stilke, 2016.

Felix an den Drums bei “Silence Is Killing Me”. Foto: Robert Stilke, 2016.

Natürlich gibt es wie immer den obligatorischen Ausflug in den Hip Hop: Tim Vantol schnappt sich die Gitarre und eine Basecap, die er sich verkehrt herum aufsetzt. Panzer und Sibbi nehmen die Mikros und springen auf der Bühne auf und ab, während sie ihr Cover von It’s Tricky von Run-D.M.C. performen. Dabei kreisen die Fans mit Shirts und anderen Klamotten über den Köpfen.

„Man macht sich ja als Musiker im Vorfeld Gedanken“, sagt Sibbi kurz vor Ende. „Ihr seid ja nur so wenige Menschen und am Anfang dachten wir: Na, ob das was wird? Aber ich muss sagen, ihr macht trotzdem richtig Stimmung!“ Damit fasst er auch meinen Eindruck zusammen. Das Magdeburger Publikum mag in der Szene klein sein, aber es hat es in sich.

Bei Song Dancing In The Sun wird nochmal alles gegeben, bevor die Jungs wieder hinter die Bühne verschwinden. Natürlich kommen sie nach Zugabe-Rufen für drei Songs zurück. Bei Going Down inszenieren sie einen Kanon aus Frauen- und Männerstimmen. Noch einmal geht es so ab, dass ich hinfalle, aber mir sofort wieder aufgeholfen wird. Letztendlich bleibt die Bühne leer. Wir werden nur mit dem „ooh ooh“ aus dem letzten Song im Ohr zurückgelassen.

Mehr Nähe kann eine Band nicht zum Publikum haben. Auch die Tatsache, dass die Factory nicht mal zur Hälfte gefüllt war, hat der Stimmung keinen Abbruch getan. Letztendlich fühlte es sich so familiär an wie bei einem Wohnzimmerkonzert – nur mit mehr Action.