Wir trafen Chris Corner von IAMX, vor ihrer ausverkauften Frankfurt Show Im Bett und redeten mit ihm über mächtige Schwestern, dem Berliner Underground, Religionen und wissenschaftliche Tode.

Pop10. Danke Chris, für die Möglichkeit zu diesem Interview.

Chris: Danke. Das ist ok.

Pop10: Gestern ward ihr in Zürich. Hast du die Show genossen? Genießt du das Leben auf Tour?

Chris: Ja, generell würde ich sagen, fühle ich mich lebendig. Das ist eine gute Sache. Manchmal möchte man einfach nur verschwinden und nach Hause gehen. Ich habe kein zu Hause, also ist es auch egal.

Pop10: Du hast kein zu Hause?

Chris: Nicht wirklich, ich habe einen Ort. Aber ich fühle mich nirgends richtig zuhause.

Pop10: Das Konzert heute ist ausverkauft. Das ist die letzte Show vor den Festivals im Sommer. In einem Interview hast du mal gesagt, du würdest dich mehr mit dem Rest Deutschlands auseinandersetzen wollen? Hast du neue Eindrücke während der Tour erhalten können?

Chris: Ich denke, dass ich im Moment noch nicht genug gesehen habe. Wir kommen an Plätze, die ich mittlerweile kenne. Touren ist nicht das selbe. Von einem Professionellen Standpunkt her, wollen wir Deutschland fokussieren und hier die meiste Zeit mit dem Projekt IAMX verbringen.

Gewöhnlich gehen wir auch raus in die USA oder für ein paar Shows nach England, wir versuchen den Focus für eine Weile in Europa zu behalten. Das ist großartig. Es ist so, wenn wir auf Tour gehen, geht es nicht darum etwas zu sehen, du siehst eine Menge Dinge an dir vorbeiziehen, aber du kannst die Orte nicht wirklich spüren. Vielleicht werde ich zurückkommen, wenn ich nicht auf Tour bin, und reisen und sehen was passiert. Ich lebe hier.

Pop10. In Berlin lebst du am Rande der Stadt in einem Fabrikgebäude?

Chris: Ja, das ist ein altes Gebäude mit einem Kollekt von Laboren.

Pop10: Ist das eher so ein Andy Warhol Factory Ding?

Chris: Ich nehme an, dass man das so sagen kann. Es ist kein total offenes Haus. Ich habe viele Freunde, die das Haus nutzen um Platten aufzunehmen oder Videos zu drehen für ihre Bands. Es gibt eine Menge Möglichkeiten.

POP10: Ist das ein besetztes Haus?

Chris: Nein, nein. Ich habe es gekauft.

Pop10: Hast du mit England abgeschlossen?

Chris: Das ist eine gute Frage. Ich weiß nicht. Ich habe keinen Grund zurück zugehen. Ich habe mich da nie wirklich dazugehörig gefühlt, egal…meine Familie lebt dort, die möchte ich sehen.

Pop10: Du bist im Nord Osten Englands geboren und bist dann nach London gegangen?

Chris: Ja, als ich mit studieren anfing, bin ich nach London gegangen. Da ist meine frühere Band entstanden. Ich habe dort viel Zeit verbracht.

Pop10: Deine Website trägt den Anhang EU für Electronic Underground. Was passiert musikalisch im Underground in Berlin? Ist der Berliner Underground interessanter als der Englische?

Chris: Ich glaube es war immer weniger prätentiös. Der Englische Underground, der Level ist ein bisschen mehr – eine Art coole Kommerzielle Musik. Ich glaube nicht, dass es das hat. Orte in Europa, speziell Berlin machen bessere Underground Musik als England es jemals könnte. Letztenendes, einige von den guten Underground Sachen werden auch in England gehört.Es gibt dort einen guten Standard Comerzieller Musik, aber die Sachen aus Berlin sind immer etwas sexier als es die Sachen in England jemals sein können.

Pop10: Poor and sexy.

Chris: Exakt. Behalte es arm und es bleibt sexy.

Pop10: Ich finde deine obsessive fast wissenschaftliches Interesse an dem weiblichen Körper und Geist ganz interessant. Das spiegelt sich auf der Bühne und in deinen Videos  wieder. Die Figuren auf der Bühne, die fragmentierten Frauenkörper zeigen das ebenfalls und erinnern mich sehr an die Arbeit von Floria Sigismondi – eine kanadische Fotografin.

Chris: Ah ja, sie macht auch Videos. Richtig?

Pop10: Ja genau. Ihr Thema ist die Veränderung des weiblichen Körpers unter Einfluss moderner Technik. Was ist dein Hintergrund?

Chris: Mein Körper ist mehr beeinflusst von Femininität als von Maskulinität. Als ich klein war, war meine Schwester sehr mächtig für mich.

Pop10: War sie älter oder jünger als du?

Chris: Älter, sie hat mich immer als Mädchen verkleidet.

Pop10: Wirklich?

Chris: Ja, als ich noch ganz klein war. Ich glaube ihre Freunde mochten das, ihnen den kleinen seltsamen Jungen zu zeigen. Ich mochte das, ich mochte natürlich die Aufmerksamkeit.

Es ist einfach natürlich für mich, damit zu experimentieren. Ich bin interessiert an diesen Geschlechterverbiegenden Dingen. Das war ungewohnt als Typ für mich, in Sexualität und Geschlecht. Es fühlt sich natürlich an für mich, das in der Musik zu zeigen, nicht unbedingt in den Texten.

Pop10: Bist du auch interessiert an der Queeren Community und Themen der LGTBI?

Chris: Ich bin da nicht sehr involviert, aber ich wäre interessiert.

Pop10: Morgen ist Karfreitag und Jesus stirbt seinen Kreuztot. Das ist ein Feiertag. Du bist nicht religiös?

Chris: Ich bin Antitheist. Ich bin gegen Organisierte Religionen.

Pop10: Ich kann meine Notizen gar nicht lesen. Es ist der Text, in einer deiner Songs, „ control yourself but…“?

Chris: …“ control yourself but the man in the sky is an tyrant and an lonly psychopath“

Pop10: Ja, genau. Ich bin überrascht, dass du Noblesse Oblige als Toursupport dabei hast? Sie arbeiten mit Vodou, welches eine Religion ist und Aleister Crowley hat auch versucht seine Religion zu etablieren.

Chris: Ich finde, im Bereich der Kunst sollte Platz für Ausdruck sein. Ich glaube nicht, dass IAMX ist zwangsläufig religös und wenn ist es ein Symbol für den Tot. Religionen sind sehr mächtig, sie können dein Selbst beeinflussen. Deshalb reflektiert die Kunst deine persönliche Glaubenseinstellung. Das war auch immer in meinen Texten, aber nicht aus einer Antitheist Sichtweise. Ehrlich gesagt, schaue ich nicht danach. Es ist klar für mich wie ich dazu stehe.

Warum ich sie ausgewählt habe? Ich mag ihre Musik. Die Energie und den unabhängigen Geist und das es nichts wirklich mit IAMX zu tun hat. Es ist eben auch einfach Theater.

Pop10: Ja, eine gute Show.

Chris: Genau.

Pop10: Christopher Hitchens ist ein US Amerikanischer Kritiker und Schriftsteller. Du hast ihm einen Song gewidmet. Sein letztes Buch hieß „Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet.“ Hast du es gelesen?

Chris: Im Englischen heißt der Titel „ God is not great“ und es geht darum wie Religionen die Welt vergiften. Es ist ein großartiges Buch. Aktuell hat er ein Buch über die Missionarsarbeit und Mutter Theresa veröffentlicht und wie diskussionswürdig sie ist.

Pop10: Würdest du sagen, dass du eine Politische Person bist?

Chris: Ich würde nicht sagen, dass ich eine aktive Politische Person bin. Ich kenne die Details nicht, die um mich rum passieren. Ich verfolge die aktuelle Politik, als ein schmutziges Geschäft. Wir täten besser daran keine Regierung zu haben, aber das ist ein kompliziertes Thema.

Pop10: Kann Kunst politisch sein? Sollte es das? Oder besser nicht?

Chris: Ich denke es kommt darauf an was du tust. Ich denke, alles sollte ein wenig die Aufgabe wahrnehmen Dinge zu verändern. In der Art wie es möglich ist. Das heißt politisch sein. Schreiben, Musik machen oder jede Form der Kreativität – du hast da die Möglichkeit eine Nachricht zu senden und Dinge zu ändern unabhängig vom Rang des Themas. Besser als Stillstand! Das ist mein politischer Standpunkt und so mache ich meine Musik.

Pop10: Man könnte dich als sehr rationalen Menschen beschreiben. Wenn man nicht wüsste, dass du auch Musik machst. Wie geht das zusammen?

Chris: Du siehst nur einen kleinen Teil der Person. Es ist komplizierter. Vom kreativen Standpunkt her, ist das arbeiten im Studio und die Bühnenshows eine schizophrene Situation für mich. Diesen Punkt kann ich gut ins Gleichgewicht bringen. Vernünftig und rationell. Ich bin aber auch sehr am irrationalen interessiert, mir gefällt die animalische Seite im Leben. Ich denke die hat jeder. Ich habe gelernt sie zu kontrollieren und sie an den richtigen Platz zu positionieren. Die Bühne ist der Richtige Ort dafür, nicht ein Interview. Ich könnte jetzt auch durchdrehen, aber ich glaube das würde dir weniger für dein Interview helfen. Vielleicht, ich weiß es nicht.

Pop10: Nein, es ist sehr angenehm dich hier so relaxed zu haben.

Chris: Gutes Gefühl?

Pop10: Ja, gutes Gefühl. Ich glaube wir kommen zum Ende. Letzte Frage also. „An Scientific Death is bigger than an fairy tale“?

Chris: So ist es. Ich glaube, dass die Menschen an Bedingungen stoßen, wo sie den Tod als pures Nichts akzeptieren müssen. Einfach tot sind und nicht mehr existieren. Wenn man als Art zum Ende kommt wie diese, dann würde wir unser Leben besser leben als wir es momentan tun. Das Problem an Religionen ist, dass Leute über das Leben belogen werden. Darüber, das es nicht nur das eine Leben gibt, sondern noch ein anderes. Ich meine, wer verdammt soll das denn Wissen? Das ist warum, ein „wissenschaftlicher Tot besser ist als ein Märchen“.

Interview mit Chris Corner führte: Nicole Richwald

Anm. Nächsten Montag erscheint hier das Interview mit dem IAMX Support Act Noblesse Oblige.

 

Links:

www.iamx.eu

http://www.floriasigismondi.com/

http://www.hitchensweb.com/