Wie ist es sein Idol zu treffen? Normalerweise hege ich keine Groupie-Gedanken. Aber diesmal konnte ich einfach nicht anders. Auf Grund meines russischen Backgrounds war der Besuch eines Konzerts von Mumiy Troll eines der größten Ziele meiner musikalischen Entwicklung. Ich schreibe eins vorne weg: da kann ich einfach keine Objektivität bewahren.

Als erstes ein bisschen Geschichtliches: Ihren Anfang hatte die Band Anfang der 80er Jahre im (nicht nur von uns, sondern auch für russische Verhältnisse) weit entferntem Wladiwostok. Verstanden hat sich damals die Band als Vertreter von psychodelischem Punk. Damals ragte der Bekanntheitsgrad noch nicht soweit über die Grenzen ihrer Stadt hinaus. Nach einer jahrelanger Trennung und Aufenthalten im Ausland beschließt der Bandleader Ilya Lagutenko die Band wieder zu gründen. Diesmal sollte es klappen. Mitte der 90er kamen sie nach Moskau um den Rest der ehemaligen Sowjetunion zu erobern.

Zur Zeit der politischen Unklarheit und musikalisch noch nicht wirklich definierten Russlands spricht Mumiy Troll die Sprache der Jugend. Ihre Debut-Single „Utekaj“ wurde von der russischen Ausgabe des „Rolling Stones“-Magazins in die Liste der Songs, die die Welt verändert haben aufgenommen. Zumindest aus russischer Sicht.

Hier mal eine neuere Aufnahme des russischen “Evergreens”. Vermutlich können die Interpreten den Song selber nicht mehr hören, aber ich finde im folgendem Video, zeigen sie durchaus, dass sie auch über sich selber lachen können:

Mumiy Troll sind eine Größe, die aus der Indie-Szene Russlands nicht mehr wegzudenken sind und das nach wie vor ohne einen Major-Deal. Die zur damaligen Zeit größten Major-Plattenfirmen in Russland „Sojuz“ und „Poligram“ lehnten die Zusammenarbeit anfangs mit der Band ab, da ihnen die Musik nicht „formatgetreu“ erschien. Das ist im Endeffekt auch gut so. Im Interview verriet mir Sänger Ilya die Vorteile des eigenständigen Produzierens, der musikalischen Freiheit und dass es wohl keinen falschen Weg gab.

Wenn ich objektiv das Konzertereignis kommentieren würde, könnte ich sagen: das war eins der besten Konzerte, die ich bis jetzt besucht habe. Natürlich zählt da eine gewisse subjektive Erwartung mit rein. Aber genau an diesem Punkt haben mich viele Bands, die auf meiner Live-Wunschliste standen enttäuscht. Dass Mumiy Troll diese aufgebaute Erwartung übertroffen haben lag an folgenden Gründen: das Konzert lief auf einem Niveau ab, das ich bislang von wenigen Bands kannte und was noch interessanter ist, dass auf der Bühne nicht nur Musiker, sondern auch Persönlichkeiten standen. Davon konnte ich mich ebenfalls beim Gespräch mit Ilya Lagutenko überzeugen. Vom Technischen Know-How ist dabei nicht mehr die Rede, sondern das insgesamt arrangierte Konzept ist ansteckend und transferiert sich über sprachliche und länderspezifische Aspekte hinweg. Es ist nun mal eine Band mit einer ganz schön langen Geschichte und Tradition und dennoch so modern wie noch nie. Als ich in ihre, schon etwas ins Alter geratene, Gesichter geschaut hab, konnte ich diesen jugendlichen Wahnsinn immer noch ablesen.

Ob die Strategie eines englischsprachigen Albums funktioniert sei mal dahingestellt. Mumiy Troll werden wohl nicht die selben Massen westlich der Russischen Föderation erreichen wie in ihrem Heimatland, aber sie werden ihren Hörer finden. Es wird ein Hörer sein, der vermutlich einen Bezug zu Russland besitzt. Einer der auf Qualität und Einzigartigkeit steht und wahrscheinlich einer der seinen Musikgeschmack spezialisiert, aber dass Expansionspotential besteht, ist außer Frage.