Prost Neujahr! Und? You don‘t feel any different? Muss ja nich. War doch gut, dieses 2009. Probiert mal, falls ihr‘s noch nicht habt, fünf meiner Lieblingsplatten des jüngst vergangenen Jahres aus.

BYGONES – by- (Sargent House)

Bygones

Also dieser Typ, Zach Hill… Mensch und Maschine scheinen hier eins zu sein. Für das was der wegtrommelt, brauchen andere zehn, zwanzig Jahre! Hat der einen Output! Bygones ist das neueste Projekt vom nimmermüden Hella-Drummer, der u.a. auch in El Grupo Nuevo de Omar Rodriguez-Lopez oder Team Sleep mit Chino Moreno von den Deftones spielt. Sein Stil ist, ja, unfassbar… wahnsinnig! Der rührt hinter seiner Kiste wie ein ganzes Team Köche in der Volkswagenwerkskantine. Ich frag mich immer nur wie der sich alles merken kann, was er spielt. Kaum ein Part ist wie der andere. Unheimlich komplex. Ihr müsst euch auf jeden Fall drauf einlassen können. Und das geht bei Bygones sogar besser als bei Hella, weil Gitarrist Nick Reinhardt von Tera Melos (auch geil; kommen dieses Jahr auf Tour!) zwar ebenso atemberaubend Riffs und Licks aneinander reiht, es aber dennoch Songs entstehen. Keine Songs, die auf die Valentinstags-Compilation kommen. Aber für Leute, die es gern vertrackt mögen und von denen ihr glaubt, sie seien nur noch schwer zu beeindrucken, werden Bygones für erstaunte Gesichter sorgen und vielleicht auch neue Liebhaber gewinnen. Mich haben sie jedenfalls gekriegt.

TORTOISE – Beacons of Ancestorship (Thrill Jockey)

tortoise

Tortoise ist eine dieser Bands, die ihren absolut eigenen Sound haben. Das liegt nicht nur daran, dass sie sich inzwischen gern mal ein paar Jährchen mehr Zeit nehmen zwischen ihren Veröffentlichungen, sondern auch an den fünf Ausnahmemusikern. Allen voran John McEntire: Schlagzeuger, Recording Engineer, Producer, Multi-hastenichjesehn… Kommt live immer so herrlich arrogant rüber. Hab Tortoise in Berlin und in Leipzig gesehen in diesem Jahr. War der Hammer! Ihr hättet sehen sollen, wie der seinen Synthi bedient: als würde er in „Patrick-Bateman-Manier“ im Stehen ne Frau von hinten nehmen. Apropos Synthi: Auf Beacons Of Ancestorship kommen viele analog anmutende Sythesizersounds zum Einsatz. Die Platte klingt fantastisch. Die Drums, oft zwei Kits gleichzeitig, blühen im Stereo-Panorama regelrecht auf. Die Songs sind rhythmisch progressiv, mal eingängig, mal schräg, mal schräg und eingängig, irgendwo zwischen Jazz, Rock und Kraftwerk angesiedelt. Es wird wieder viel experimentiert und wieder nicht gesungen. Der gut achtminütige Opener High Class Slim Came Floatin’ In zieht euch mit einer Synthi-Quintole, die sich zart um den 4/4-Takt wickelt, ohne Umwege rein ins Tortoise-Universum. Mit Gigantes kommt als vierter Song mein persönlicher Hit: Polyrhythmik, Akustikgitarren und ab der Hälfte eine grummelig massive Basslinie und Weltraumharmonien. Komplett tanzbar! Bei The Fall Of Seven Diamonds Plus One werden die Fans älterer Tortoise-Alben abgeholt. Herrlich! Tortoise sind eben nicht nur mal was anderes, sondern immer.

THE MIDDLE EAST – The Recordings of The Middle East EP (Spunk)

Middle East

“We‘re from Townsville, Australia and we play music“ steht zurückhaltend auf der Internetseite von The Middle East. Die Band hat mir ein Kollege empfohlen. Der weiß, dass ich auf diesen ganzen neuen Folk/Country-Kram à la Bon Iver, Fleet Foxes und Akron/Family stehe. Und was für ein Tipp! Haben mir The Middle East doch immerhin meinen Song des Jahres 2009 beschert: Blood, der Dritte von fünf auf dieser EP mit der Ausstrahlung einer Full-Length. Die Falsettstimme des Sängers, die Gitarre und der euphorische La-Lala-Refrain am Ende erzeugen eine Gänsehaut, da möchte ich vor Gerührtheit fast heulen. Die anderen Songs sind keineswegs nur Füllmasse. Das würde auch dem Anspruch von The Middle East an sich selbst nicht gerecht werden. Ihr bekommt es bei The Recordings of The Middle East mit einer in jeder Hinsicht perfekten Platte zu tun, weil abwechslungsreich, atmosphärisch und atemberaubend. Und – einfach schön!

MEGAFAUN – Gather, Form & Fly (Hometapes)

megafaun

Eine Platte wie für mich gemacht: viel Akustikgitarre, Banjo, Streicher, Klavier, mehrstimmiger Gesang, dezentes Schlagzeug, Schellenkranz, etwas Programming und eine leichte psychedelische Note. Für mich die beste Neo-Schrägstrich-Freak-Folk-Platte seit Fleet Foxes, To Find Me Gone von Vetiver und For Emma, Forever Ago von Bon Iver. Womit wir direkt beim ehemaligen Bandkollegen angekommen wären. Die drei vollbärtigen Männer aus Durham, North Carolina, haben jahrelang mit Justin Vernon (Bon Iver) zusammen musiziert. Die Verwandtschaft ist hörbar. Auf Gather, Form & Fly wird aber keinesfalls versucht, den geräumigen Windschatten, den der Ex-Kollege bereitet hat, auszunutzen. Megafaun fahren dann doch lieber auf ihrem eigenen Weg. Der zarte Opener Bella Marie steckt in 1:30 kurz ab, wo‘s lang geht und deutet schon mal an, dass ihr es hier mit Profimusikern zu tun bekommt. Gezupfte Gitarren, Bratsche, Klavier, gefällige Harmonien; ein weicher Strohsitz mitten auf einer spätsommerlich duftenden Wiese. Kaufman‘s Ballad ist praktisch die Single. Zumindest ist dieser atmosphärische Folkrock-Song mit Banjo und Satzgesang als passendes Aushängeschild in diversen Musik-Blogs rotiert. Die Megafaun-Songs sind liebevoll instrumentiert, der Sound kommt „kammermäßig“, warm und einhüllend. Gelegentlich wird‘s auch mal noisig oder eben psychedelisch. Hauptsache nicht konventionell. Und was ich nicht gedacht hätte: das funktioniert auch alles live. Bin extra nach Antwerpen gefahren… für sechs Songs. Auf dem Album sind dreizehn. Wenn das nicht Liebe ist…

V.A. – Dark Was The Night (4AD)

dark was the night

Erst ziemlich spät auf den Trichter gekommen, mich dafür umso schneller verknallt: in Dark Was The Night. Zum 20. Jubiläum der Red Hot Organisation, die sich im Kampf gegen AIDS engagiert, finden sich knapp 40 Bands und Musiker auf dieser 32 Songs umfassenden Doppel-CD (wahlweise auch dreifach Vinyl) wieder. Und wer nicht alles dabei ist: Bon Iver, Grizzly Bear, The National, Arcade Fire, Kevin Drew, Bonny Prince Billy, Conor Oberst und Feist, um nur einige zu nennen. Die Compi lässt sich wunderbar durchhören. Zwei Highlights sind gleich auf der A-Seite: Dirty Projectors und David Byrne mit einem gemeinsamen Song und The Books mit José Gonzales. Da wünscht man sich gleich ein ganzes Album in diesen Konstellationen! Auch herrlich: Gentle Hour von Yo La Tengo oder Sufjan Stevens‘ gut zehnminütiger Ausflug in die komplexe Welt des wohl talentiertesten Songwriters Indielands: You are the blood. Hier zieht er wirklich alle Register. Erst Song, dann Epos, dann verspielt schräg, dann ein BQE-esques Klavierstück hinten dran. So was nennt man wohl ein „Werk“! Das müsst ihr hören!