Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich denken, dass ein Leben beim Musikfernsehen voller Glanz und Ruhm ist!
Ich weiß es aber besser.
Der Tag beginnt um 8 Uhr…

…was generell keine schlimme Uhrzeit ist, aber für mich irgendwie schon.
Ziel an diesem Donnerstag ist es für die Pop10Neuigkeiten Interviews mit gleich 3 Bands bzw. Künstlern zu drehen.
Auf der Agenda stehen Ash – vertreten durch Sänger Tim Wheeler -, Coco Rosie – ich nehme an, dass es die 2 Schwestern zu zweit sind – und The National aus New York sind ebenfalls gebucht.

Solche Interviewtage sind für uns besonders praktisch, da wir mit der Produktion von Pop10 in Magdeburg sitzen und so nur einmal für 3 Drehs nach Berlin fahren müßen.
Die Interviews sind seit Längerem durch die Plattenfirmen der Bands und durch das Pop10Büro geplant, verabdredet und bestätigt.
Also begibt sich der noch müde Pop10Redaktuer zu 10 vor 10 ins Büro und wartet auf den Kameramann.
Alle pünktlich, ab geht’s.

Eine Stunde und nur wenige Minuten später (wir verraten nicht, wieso wir so schnell sind und sein können!) reihen wir uns in den Stau auf der Berliner Stadtautobahn ein.
Die 3 Interviews sind im Kopf vorbereitet, aber ganz ehrlich gesagt schadet es nicht, wenn ich mein sporadisches Wissen durch
Studieren der Biographien der Bands noch mal auffrische.

Hier sei erwähnt, dass ich in diesem Moment meine innige Liebe zu Ash wieder entdeckt hab.

Long Time No Hear, aber jetzt geht’s wieder los Tim – versprochen!

Wir erreichen das Büro der Promotion-Agentur von Ash.
In den Zeiten der großen Verkaufseinbrüche von CDs wechselten Agenturen, Plattenlabels und Ansprechpartner im Wochenrythmus.
Inzwischen ist ein wenig Ruhe in die auf Minimum geschrumpfte Plattenindustrie eingekehrt.
Der Schrumpfprozess war bei den kleinen Indielabels besonders hart.
Da man sich gegen Kälte am besten beim Gruppenkuscheln schützen kann, sitzen diese kleinen Labels zu Hauf in Berlin in einem
Gebäude… in der Dieffenbachstrasse.

Wir sind da, fühlen uns wie die Ober-Kings mit Zeit im Hintern, als wir mit “Hej, Maurice, wolltet Ihr nicht schon längst drehen?” begrüßt werden.
What The Fuck? Habe ich was verpasst?
Nein, alles gut. Irrtum. Wir sind bestens im Zeitplan.
Und dieser Zeitplan ist heute entscheident und aufeinander abgestimmt.

Ash : 12.20 Uhr – 12.50 Uhr
Coco Rosie: 13.10 Uhr – 13.30 Uhr
The National: 14.30 Uhr – 15.00 Uhr

Wir beschließen das Interview mit Ash-Sänger Tim auf dem schönen Hof des Büro-Knasts zu drehen.

Und während ich Tim im Büro der Company abhole, offenbart man mir, dass Coco Rosie schon ne Stunde Verspätung haben und sie
ihr Hotel auch noch nicht verlassen haben.
Ich stottere was von “Zeitplan.. Ahh.. Nein.. Aber.. Irgendwie” und werde darauf vertröstet, dass es nach dem Ash Interview bestimmt besseres Wetter geben wird und die zwei Schwestern interviewfertig auf mich warten werden. HA HA !

Das Interview mit Tim Wheeler läuft gut, wir reden über Star Wars, New York und darüber, dass Alben heutzutage keinen Sinn mehr machen. Netter Typ und schöne Interviewbilder sind im Kasten, aber diese zwei Coco-Schwestern sind nirgends zu sehen.

Coco und Rosie lassen auf sich warten und der Promoter der Beiden sitzt am Telefon, sagt reihenweise Interviewtermine ab.
Radio Eins, FM4 und Pop10… abgesagt.
Wir packen unsere Sachen und beschließen unsere sponate Freizeit gegen einen Aufenthalt im vegetarischen Burger-Sit-In “Yellow Sunshine Burger” zu verbringen.

Zwischen Burgern und Fritten trifft es uns wie der Schlag! Wir müßen los, immerhin sind wir mit The National nicht im entspannten Kreuzberg verabredet, sondern in der Hölle am Potsdamer Platz. Die Band waret auf uns im Marriott-Hotel.

15 Minuten später stehen wir mit dem Auto am Potsdamer Platz (erneut wird nicht verraten, wie wir so schnell dahingekommen sind)
und wir sind auf Parkplatzsuche.
10 Jahre Erfahrungen als Fernseh-Type machen sich jetzt bezahlt und ich meine “Ach, wir finden hier nie was, lass uns lieber gleich ins Parkhaus fahren!” Okay.
Nur wo ist das Parkhaus?

Wir finden es nicht, geben uns der Abzocke hin und fahren ins Parkhause des Ritz-Carlton Hotels.
5 Sterne und 4 Euro pro Stunde. Es ist nur nen Parkplatz, oder?

Es wäre ein Parkplatz, wenn denn hier unten Einer frei wäre.
Ungelogen sind alle Parkplätze besetzt und die, die frei zu sein scheinen sind mit Namen und Nummernschildern reserviert.
Fuck Parkhaus und nun?
4 € zahlen und wieder raus? Nein, weiter suchen!

Kein einziger Platz ist frei und hinter uns sucht schon der Nächste einen “Keinen-Parkplatz” im Ritz.
Wir beschließen den Frontalangriff, stellen uns auf einen Behindertenparkplatz, haben ein schlechtes Gewissen, fragen den Ritz-Parkhausboy vor Ort und der nickt ab und meint “Bleibn Se da einfach stehn!”.

DAS ist definitiv nicht die erste Etage

Okay. Kameras raus, Stativ raus, ab in den Fahrtsuhl und auf “E” gedrückt – bringt uns bestimmt in erste Etage.
Es riecht nach Essen, die Türen öffnen sich und DAS ist definitiv nicht die erste Etage, sondern die Küche des Ritz.
Wir mit Kamera, Stativ, Stromtrommel und Scheinwerfern mittendrin.

Drei Schritte zurück in den Fahrstuhl und verzweifelt versuchen wir eine andere Etage auszuwählen, aber keiner der Knöpfe springt an.
Dann doch – plötzlich leuchtet die “-1“.
Es ist ein wenig wie “Geh’ Aufs Ganze!” mit Jörg Dräger. Was wird wohl hinter Tor -1 sein?
Bingo, die Handtuchküche des Ritz! Wird ja immer besser!

Wir müssen dringend ins Marriott, was nur 1 Minute von hier entfernt wäre, aber wir stehen zwischen hunderten von Handtüchern – gewaschen! (Wenigstens was!)

Rettung naht in Form einer hilfsbereiten Mitarbeiterin, der wir unser Labyrinth erklären.
Sie versteht zwar nicht so recht wie wir ins “Herz” des Ritz gelangen konnten (sie soll froh sein, dass wir keine Bombe bei uns tragen) und bringt uns zum “Backstageausgang”.

Auf ins Marriott – Wat ne Quälerei.

Immerhin sind wir pünktlich und überlegen gemeinsam mit dem Promoter von “The National”, wo wir die Jungs interviewen werden.
Schließlich entscheiden wir uns gegen Hotelzimmer, Lobby geht nicht, also ab vor die Tür und genau vor den Brunnen am Hotel gestellt.
Der Brunnen schmückt den Inge Beisheim Platz.
Inge Who?
Inge Beisheim nennt das Ritz ihr Eigen und weil die Olle so reich ist, hat die Stadt Berlin nen Platz nach ihr benannt.
Naja, mein Name wird höchstens eine neue Krankheit schmücken dürfen.

So ganz ist unsere Anwesenheit dem Hotel-Personal des Marriott nicht geheuer und wir werden beobachtet.

Ziemlich bald darauf werden wir belehrt, dass wir die Hotels nur filmen dürfen, wenn wir dafür eine Genehmigung haben.
Medenrechtlich ist das zwar absoluter Humbug, aber der Hotelboy (Mitte 50) meint es ernst.
Ich kann ihn beruhigen, als er erfährt, dass wir gleich Gäste seines Hotels interviewen werden.

Die Jungs von The National sind da! Es kann losgehen.
Das Interview läuft gut, wir werden andauernd von Passanten angestarrt, aber es lohnt sich.
Tolle Typen und tolle Bilder. Anschließend machen wir weiter “verbotene” Bilder von den Gebäuden.

“Hej – Wir brauchen die Bilder für den Bericht!”

Abgedreht, Alles im Kasten und es ist 5 nach 3!
Verrückt. Wir sind im Zeitplan, packen zusammen und suchen den Eingang des Parkhauses.
Unser Zeitplan sieht vor nicht länger als 4 € im Ritz-Parkhaus zu stehen.
Da wir aber zu doof sind einen regulären Eingang zur Hölle unter Erden zu finden, gehen wir mit Gepäck einfach da rein, wo wir vor knapp 60 Minuten schon rein kamen – Durch die Autoeinfahrt.

Wir sind 2 Minuten zu spät und parken unseren Wagen jetzt seit 62 Minuten für 8 €.

62 Minuten für 8 €

Diese 8 € würde ich auch sehr gerne bezahlen (gelogen – ichhabe keine andere Wahl als zu zahken!), nur leider nimmt keiner der 5 Kasenautomaten heute Geld.
Wenn ein Mitarbeiter des Ritz  auf meinen verzweifeltes Betätigen der Hilfe – Taste am Automaten reagieren würde, würde sich das evtl sogar ändern, aber NIX DA.

Nach 15 minütigen Umherirren bewegen sich meine müden Reporter-Beine Richtung Fahrstuhl (hoffentlich diesmal der Richtige; denk’ ich mir) und ich fahre in die Lobby des Ritz.
Immerhin haben die nen echten Pianisten hier zu sitzen, nicht aus der Konserve à la Marriott, Pah!

Die Frau am Empfang der Luxus-Butze ist ganz überrascht, dass überall die “Hilfe” Lämpchen bei Ihr leuchten: “Das habe ich gar nicht gesehen!”.

Ich löhne meine 8 €, gehe zurück in die disfunktionale Hölle auf Ebene “-3” und fahre aus dem Parkhaus.
Fast, Die Schranke am Ausgang öffnet sich erst beim 4. Versuch. Fuck Ritz!

2 Interviews à 15 Minuten sind jetzt im Kasten, zurück ins Büro.