Frau knutscht Frau, Mann knutscht Mann, alle können fliegen und Dubstep braucht man halt für die Quote. Einmal die volle Dröhnung Eurovision Song Contest und das, was nach vier Stunden Schlaf noch davon übrig ist.

Zunächst einmal liebe Grüße an alle, die hier gleich rumhaten werden, weil sie finden, dass das was ich hier von mir gebe nicht fundiert genug ist, schlecht recherchiert erscheint oder einfach nur nach Stumpfsinn schreit. Während ihr euch gestern mit Maibowle, Sekt und Billigfusel ins Pfingstdelirium geschossen habt, saß ich neben Mutti und Oma vor der Glotze um mir sechs Stunden die volle Ladung ESC in mein mittzwanziger Hirn blasen zu lassen. Vollkommen ungeplant und unvorbereitet.

Ich bin ganz sicher nicht stolz darauf, dass ich mich dieser Veranstaltung voll und ganz hingegeben habe, aber was mich nicht umbringt, macht mich nur härter!

Schon während der Sendung meldete sich mehrfach mein Verstand zu Wort und suchte nach Seinesgleichen, doch bei Muttern und Oma stieß er nur auf wahllos gestreute “Jas” und “Hhms”. Als ich mich heute morgen nach vier Stunden Schlaf noch immer fragte “How many times do we have to fight?”, entschloss ich mich dazu, euch meine persönliche Meinung zum ESC Finale 2013 in Malmö kundzutun. Hier eine subjektive Auswertung also von dem, was hängen geblieben ist. Ich habe mich vorher nicht mit den Interpreten beschäftigt, habe die Vorausscheide nicht verfolgt, keine Wetten abgeschlossen und heute morgen auch absichtlich auf andere Auswertungen verzichtet, um vollkommen unbefangen mein Herz ausschütten zu können. Also like it or not.

Von Malmö nach Kopenhagen – über die Öresundbrücke zum nächsten ESC 

Bevor hier einer fragt – ja, Dänemark hat gewonnen und das vollkommen zu Recht (und vorhersehbar). Wer sich also in diesem Jahr extra eine Finka oder Holzhütte in Malmö gekauft hat, kann von dort aus auch im nächsten Jahr zum europäischen Liedercontest fahren. Einfach rauf auf die Brücke und schwupps da ist dann auch schon Kopenhagen. Wie ich gestern während der Sendung erfahren habe, war Dänemark der absolute Favorit von daher hier eigentlich keine Überraschung. Schon alleine der Name der Künstlerin schrie von vornherein nach einem Sieg: Emmelie de Forest (da kann Cascada im Leben nicht mithalten) eine blonde Schönheit die sich jede Schwiegermutter wünscht. Bei ihr passte einfach alles: sie eine junge Studentin, verdammt hübsch und sympathisch, das Lied gut genug um im Kopf zu bleiben, die Show nicht dramatisch aber so inszeniert, um auch die weiblichen Zuschauer auf die heißen im Background trommelnden Flötenspieler aufmerksam zu machen (die bestimmt extra ihr Auslandssemester in Berlin-Mitte unterbrochen haben) und dann noch die Konkurrenz. Wobei letztgenanntes natürlich nicht einfach so abgehakt werden kann. Die Dänen haben fast aus jedem Land Punkte bekommen, von den einen mehr, von den anderen weniger. Gewonnen haben sie meiner Meinung nach, weil sie genau das verkörpern, was der ESC heute ist – eine Massenveranstaltung für eine Gesellschaft, die jung sein will auch wenn sie immer älter wird.

Wie schreibt man eigentlich Aserbaidschan?

Noch bevor alle 39 Länder ihre Punkte live vor der Kamera peinlichst rausgeträllert hatten (ja dazu komme ich gleich noch) stand der Sieger fest. Der zweite Platz ging an Aserbaidschan. Ich sollte mich dafür schämen, dass ich grade die Schreibweise gegoogelt habe, denn die Künstler von da sind jedes Jahr so weit vorn mit dabei, eigentlich haben sie es verdient, dass man den Namen ihres Landes schreiben kann. Aber wie gesagt, ich mache mir sonst nichts aus dem ESC und deshalb auch nichts aus der musikalischen Qualität oder Schreibweise von A-S-E-R-B-A-I-D-S-C-H-A-N.

Die Performance vom aserbaidschanischen Sunnyboy könnte allerdings zu einem neuen Trend führen.

Ich bin mir sicher, es wird DAS Ding nach Poledance. Der Sänger (dessen Namen ich jetzt auch googeln muss) Farid Mammadov hatte neben sich auf der Bühne einen menschengroßen Glaskasten zu stehen, in dem ein Mann stand. Wie eines von diesen Plüschtieren das Saugnäpfe am Finger hat und in jedem Opel von Franzi aus Wedding hängt, hangelte sich der Tänzer entgegen aller physikalischen Gesetze von einer Glasscheibe an die nächste. Ob das gut ist für seinen Rücken war wohl eher Nebensache, hauptsache der Zuschauer hat etwas worüber er sich freuen kann. Und das habe ich offensichtlich. Also egal ob Aserbaidschan nun in diesem Jahr fast wieder gewonnen hat oder nicht, so einen Glaskasten braucht die Welt. Und wenn ich darin auch nicht meinen Body in Sommerform bringen werde, irgendeine Poledance-Schule wird dieses zweite Standbein sicherlich für sich entdecken. Let´s call it Glas ´n´ Spreizing.

Toleranz und Hebebühnen

Wo ich schon mal bei der Bühnenperformance von Farid Mammadov bin, bleibe ich doch gleich mal beim Thema. Als ehemalige Schultheaterstückregisseurin kann ich mich damit brüsten ungefähr soviel Ahnung von Bühnenshows zu haben, wie Ernie und Bert. Nein im Ernst, ich bin kein Experte aber ich kann auf jeden Fall Gut von Böse unterscheiden. Und das was der ESC bzw. die einzelnen Länder gestern geboten haben, war wie eine Tüte Jelly Bellys, in der man nur Popcorn-, Melone- und Kaugummigeschmack findet (Popcorn mag ich sehr, Melone spucke ich aus und Kaugummi ertrage ich halt). Gefühlt jeder zweite Künstler wurde auf irgendeine Art und Weise in den Himmel befördert. Die junge Dame aus der Republik Moldau bespielweise hatte sich offenbar mit dem quietschenden Opernstar aus Rumänien abgesprochen und so kam es, dass sich beide zum Ende ihrer Performance hin in die Höhe schießen ließen. Schießen ist sicher das falsche Wort, aber auf jeden Fall sind sie abgehoben. Eine Hebebühne unter nem meterlangen Kleid machte es möglich. Wie die da wieder runtergekommen sind, wurde uns am TV-Gerät leider nicht gezeigt. Beim ersten Mal (also bei der Dame aus Moldau) war der Effekt noch recht – nun ja -  interessant, doch als dann auch noch der “Graf Dracula” aus Rumänien in die Höhe ging, dachte man schon an das Wort Zweitverwertung. Nun gut, die Konstruktion war sicher nicht billig, da muss man schon mehr als einen Act mit beschäftigen. Doch neben ein bisschen Höhe und Zauberkugeln stand in Malmö nicht sehr viel Action auf dem Programm. Zu den Highlights zählten dabei Cascada, die auf einer Glastreppe stand, von der ich mit ihren Schuhen sicher nicht lebend runtergekommen wäre, die Schweden, die sich eine Art Skate-Rampe auf die Bühne gestellt hatten, die heiter von allen Seiten besprungen wurde und dann Weißrussland, das sein sein blondes Popsternchen aus einer Zauberkugel à la Mini Playback Show steigen und der Rest war eher unspektakulär.

Sicher noch erwähnenswert ist der Auftritt der Finnen. Krista Siegfrids – eine Mischung aus “Britney, Katy Perry und Madonna” (um hier auch mal den äußerst genialen Kommentator Peter Urban zu zitieren) sang ein Lied mit dem Titel “Marry Me”. Sie selbst in einem eher nicht so konservativen Brautkleid, wurde umgarnt von Frauen die als Männer verkleidet waren. Während ich mich fragte, warum man sich an dieser Stelle keine echten Kerle leisten konnte, flimmerte hinter ihr eine Leuchtaufschrift im Las Vegas Style, die meine Skepsis gegenüber diesem Auftritt nur verstärkte. Plötzlich wurden aus den Pseudo-Männern waschechte Trauzeuginninnen (wie viele “n´s” braucht dieses Wort?) in Kleidchen und dann am Ende der Kuss mit dem Bräutigam, ähm Verzeihnung der Braut. Zwei Frauen, knutschend auf der Bühne beim ECS. Kein Skandal, so wie damals mit der Zombie-Band Lordi, sondern vielmehr ein Zeichen dafür, dass auch bei diesem Großevent wirklich keiner mehr hinter dem Mond leben will, sondern sich höchstens dahinter unter einem Regenschirm verstecken darf (dazu gleich noch mehr). Diese neue Auslebung der Toleranz zelebrierte auch das Gastgeberland in seiner recht gelungenen Schweden-Präsentations-Bühnenshow, dessen Höhepunkt ebenfalls durch gleichgeschlechtliche Liebe erreicht wurde. Nur dieses Mal dürften sich zwei Männer küssen.

Applaus, Applaus und im Endeffekt immer die gleiche Einsicht – Sex sells egal wie.

Auch wenn man sagen muss, dass in diesem Jahr weniger Haut gezeigt wurde. Und weniger Schuh.

Ja und Deutschland so?

Ja wir haben es mal wieder geschafft uns zu blamieren. Nicht wegen des Auftrittes von Cascada, der war ok und ja, alle schreiben wir hätten Besseres verdient. Mir egal, Platz 21 klingt jetzt erstmal nicht so besonders, aber Cascada ist ja auch keine zwanzig mehr und das muss man laut meiner eigens aufgestellten Statistik für den Sieg anscheinend sein. Nein, Lena Meyer-Landrut (ihren Namen musste ich leider nicht googeln), die penetrante Quietschmaus, die uns seit ihrem ESC Sieg vor drei Jahren permanent und überall umgibt, hat es auch gesternmal wieder geschafft ein Zeichen zu setzen. Ein weiteres Zeichen für Tolleranz, denn wer sie heute noch mag, hat jeglichen Sinn für Fremdscham verloren! Irgendwann zwischen 0:00 und 1:00 Uhr fragte Mälmo “Germany, may we have your votes?” und wer stand am anderen Ende vor der Kamera? Brauche ich an dieser Stelle sicher nicht sagen. Ihre einzige Aufgabe war es zu Lächeln und die deutsche Punktevergabe zu verkünden. Eight Points, Ten Points und Twelve Points – macht drei zahlen à drei Länder. Kann man sich merken und gut wenn man nervös ist, darf man die Infos auch vom Teleprompter ablesen oder über den Ohrstöpsel im Ohr vorsagen lassen. Entweder kann Lena nicht lesen oder sie ist taub, denn ihre “Ten Points” gab sie lieber Norwegen statt Dänemark. “Oh no! I mean Denmark!”

Kann ja mal passieren, bei keine Ahnung wie viele tausend Euro gibt es für den Job?

Ein Verhaspler über den heute alle sprechen und damit hat sie es ja auch wieder geschafft. Schnell hat sie sich unter ihrem Schirm versteckt und eigentlich hätte sie da auch bleiben können. Doch mit der Nummer hat sie es wieder mal ganz nach vorn in die Medien geschafft. Während alle anderen 38 Punkteansager mit viel Brust, pinken Kleidern und schlechtem Schwedisch glänzen wollten, gläznte Lena mit ihrer Verpeiltheit und bleibt deshalb mal wieder im Gedächtnis. Ich werde das Thema hier aber nicht weiter bewerben, das überlasse ich der BILD.

Dann ist mir noch etwas aufgefallen. Für Ungarn ging ein kleiner, ich nenne ihn jetzt mal HIPSTER an den Start. Bye Alex (ist das sein bürgerlicher Name?) wurde in seinem Einspieler als Typ mit Nerdbrille und Redakteur eines Tattoomagazins beschrieben. Spätestens als er dann auch noch mit Röhrenjeans und Gitarre auf der Bühne stand, hatten die deutschen Zuschauer und vor allem die deutsche Jury (bestehend u.a. aus den TV-Hipstern Frida Gold, Tim Bendzko und Lena) ihren Held gefunden. Zwölf Punkte von uns an ihn – hat mich absolut gar nicht überrascht, denn auf so jemanden stehen wir einfach. Der Song war ganz nett, nicht so viel Geschrei und so, der Gesang dagegen eher mittelmäßig und die Show? Keine Hebebühne, keine Knutscher, kein Nichts. Und trotzdem – Nerdbrille sells!

Was haben wir gelernt

Gute Frage. Ich bin jetzt auf jeden Fall ein Fan von Peter Urban, dem deutschen Kommentator der Show. Ich wünschte er würde bald auf Tour gehen und nicht Lena (wurde in der ARD gestern mehrmals beworben), denn neben der sonst eher mittelmäßig dramatischen Show aus Malmö, sorgte er hin und wieder für den einen oder anderen Lacher. Jeder der nach dem Voting live nach Malmö geschaltet wurde um die Punkte des jeweiligen Landes zu verkünden, meinte erstmal auf schlechtestem Schwedisch sein Lob an die Gastgeber aussprechen zu müssen, was der Moderatorin vor Ort sicher auf die Nerven ging, doch sie hatte ja keine andere Wahl als das zu erdulden. Peter dagegen hat für uns zu Hause ausgesprochen, was jeder nach mehr als vier Stunden vor dem Fernseher dachte: “Das kann einem schon ziemlich auf die Nerven gehen.” Wo er Recht hat.

Ansonsten war Dänemark auch mein Favorit, wobei ich auch für Schweden gestimmt hätte, wegen der Skate-Rampe und so ;) Obwohl ich vorhatte, nach dem deutschen Auftritt ins Bett zu gehen (wenn Mama geht, gehe ich auch), bin ich bis zum Schluss vor der Glotze hängen geblieben. Die Lieder waren demnach alle erträglich und massentauglich. Nicht zuletzt daran zu erkennen, dass selbst der Opernsänger aus Rumänien, der um die 100 Oktaven singen kann, sicherheitshalber noch mit Dubstep begleitet wurde, denn das ist ja momentan modern. Leider fehlte es an mir einwenig an der typisch schwedischen Spannung und Dramatik, die man dank Stig Larsson und Astrid Lindgren ja eigentlich mit blau-gelb verbindet. Aber gut, dafür haben wir hierzulande ja DSDS, den Bundesvision Songcontest und eben Lena Meyer-Landrut. Schön war es auf jeden Fall, mal wieder Zeit mit der Familie zu verbringen und da bot sich die Sendung als Hintergrundbeschallung an.

Doch dass aus der Hintergrundbeschallung eine  schlaflose Nacht resultieren würde, hätte selbst ich mir nicht erträumen können. Der ESC ist im Endeffekt eben doch wie ein Unfall – man muss hingucken, man muss darüber reden und wenn man Pech hat, trägt man ein Trauma davon.