Der Frage „Wer ist eigentlich dieser Sherlock Holmes?“ widmet die Ausgabe 5 des immer wieder überraschenden Get Happy!? ein umfangreiches Update.

Schattierungen dieses schwerst intelligenten narzisstischen Soziopathen und Superhelden entdeckt Autorin Kristina Ruhnke dabei auch in Batman, Dr. House (Gleichgültigkeit gegenüber Patienten), Adrian Monk (dessen Soziophobie) und auch Sheldon Cooper (Brillanz im Grenzbereich) und stellt fest, dass die Kunstfigur des Sherlock Holmes wie nur ganz wenige andere kulturell assimiliert worden ist. Holmes und Watson sind fest im kollektiven Popbewusstsein verankert. Und in diesem verkörpern sie jeweils einen Prototyp, der im Lichte des jeweiligen Zeitgeistes eine entsprechend andere Gestalt erhält. So etwa erhält der „Sherlock“ des Benedict Cumberbatch geradezu den Status eines Sex- Symbols und der Dr. Watson aus „Elementary“ ist nicht nur eine Frau, sondern auch längst nicht mehr nur der dümmliche Sidekick des genialen Detektivs.

Nach den erfolgreichen Guy Ritchie Filme haben nun die CBS Serie „Elementary“ und der BBC- Knaller „Sherlock“ die Figur ebenso erfolgreich ins 21. Jahrhundert geleitet. Alle drei Werke erfahren in diesem Spezial eine detaillierte Kritik und schlussendlich scheint sich der popkulturelle Kreis zu schließen, wenn die Autorin resümiert, dass das London der Sherlock- Folge The Reichenbach-Falls Nolans Gotham City gleicht, Moriarty und der Joker ineinander über blenden und Sherlock Holmes zu Batman wird. Im Weiteren widmet man sich den Konsequenzen des Fortschritts für die Figur des Sherlock Holmes und dessen Umfeld im digitalen Zeitalter und stellt diese in den Vergleich mit Conan Doyles Original. Zu guter letzt gibt es eine persönliche Auswahl und Vorstellung unterschiedlicher Adaptionen aus über 170 Filmproduktionen die sich der Figur Sherlock Holmes angenommen haben.

Ansonsten bietet das Get Happy!? wieder unterschiedlichsten Künstlern und Künsten ein äußerst buntes wie unterhaltsames Podium fernab von einengender Tagesaktualität. Im geographischen Fokus liegt dieses Mal im Übrigen die Film- und Musikszene Montreals. Ein empfehlenswertes Portrait und Gespräch über und mit Neneh Cherry in der aktuellen Ausgabe der Spex hat es mir leicht gemacht, in das Loblied auf diese gerade 50 gewordene Künstlerin einzustimmen. Gerade im Zuge des fabelhaften Comebacks „Blanck Project“ wird das Werk dieser tollen Frau immer wieder und leider auf die Jahre ihrer drei erfolgreichen Hip-Hop/Pop- Alben reduziert und man meint feststellen zu können, dass sie sich doch mit „Blanck Projekt“ oder der 2012er Arbeit mit den norwegischen Jazzern The Thing so erstaunlich weiter entwickelt hätte. Dabei haben die doch eine durchaus erzählenswerte Vorgeschichte:

Als 14jährige besuchte sie ein Public Image Ltd. Konzert, welches aussagegemäß ihr Leben verändert hat. Sowohl äußerlich als auch innerlich. Das vorher unsichere Mädchen schrieb von nun an Gedichte und lernte Bass zu spielen. Dazu kam die Bekanntschaft mit Ari-Up (Ariane Daniela Forster) von den Slits, die seinerzeit mit Nenehs Stiefvater, dem Jazzer Don Cherry, auf Tour gingen. Gemeinsam besuchten sie in New York und London Soul, Punk und Reggae- Konzerte. Das wollte sie auch machen. So arbeitete sie u.a. eben diesen Slits oder auch dem famosen Künstlerkollektiv New Age Steppers zusammen und stieg 1981 als Sängerin bei der neu gegründeten Band Rip Rig + Panic ein. Da war sie gerade 16. Und mit denen spielte sie dann in der Folgezeit drei Alben mit eben dieser Post-Punk Melange aus Jazz, Funk und Punkrock ein. Und dann kam der Hip-Hop und Rap und ihr Aufstieg in die Mainstream- Charts. Ihr 88er „Top of the Pops“- Auftritt in Sneakers, Goldjäckchen, hautengen Klamotten und dicker Baby- Plauze zu ihrem Gassenhauer „Buffalo Stance“ hat seinerzeit eine Menge medialen Staubs aufgewirbelt. Genauso wie das dazugehörige Album „Raw like Sushi“. Es folgten zwei weitere Alben und Kollaborationen die neben einem feinen Händchen für Evergreens und Schmachtfetzen (wie etwa „7 Seconds“) aber auch durchaus stilbildend waren. Später nannte man das dann TripHop oder Grime.

Aus vornehmlich persönlichen Gründen verschwand sie dann für viele Jahre nahezu aus der Öffentlichkeit, bis sie 2012 zusammen mit der norwegischen Free-Jazz/Noisecore- Band The Thing das experimentelle und schroffe Album „The Cherry Thing“ veröffentlichte. „Blank Project“ nun bezeichnet sie selbst als Wiedergeburt. Ein rohes und raues Album, dem zwei Londoner Brüder namens RocketNumberNine zusammen mit dem Produzenten Four Tet mittels Drums, Synthesizern und Laptop mal blankes Pochen und mal heftige Krachgewitter als Hülle verpassen, gegen die Neneh Cherry ganz differenziert ansingt, spricht und flüstert und dem ganzen eine erstaunliche Wärme und Weichheit verleiht. Das ganze wurde in einem take aufgenommen, nur ein einziger Overdub war dabei notwendig und zwar für den Song „Out of the Black“, für den sie sich übrigens die Schwedin Robyn als Gegenpart gesucht hat und deren Part nachträglich eingesungen wurde.

Blank Project ist ohne Zweifel ein Comeback, das nicht wie leider so oft schnöde die eigene (erfolgreiche) Vergangenheit abfeiert und den Kontosaldo auffrischt, sondern ein überraschendes, intimes, schroffes und aufregendes zugleich.

.