Im Zuge des Melt!-Festivals konnte uns der als SOHN bekannte Christopher Taylor etwas Zeit einräumen. Wir durften den Londoner Songwriter für euch interviewen und erfahren, wie es nach seinem zweijährigen Amerikaaufenthalt weitergeht.

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Das ist nicht dein erstes Mal auf dem Melt!. Ich glaube, du hast zuvor schon einmal hier gespielt. Was denkst du über das Festival? Gefällt es dir?

Ja es ist gut. Ein ziemlich inspirierender Ort für Leute, um Musik zu hören. Komplett anders als andere Festivals. Ich kann mich noch erinnern als wir auf der Hauptbühne gespielt haben und die Sonne währenddessen langsam unterging. Das war unbeschreiblich.

Hier auf dem Festival ist ein starker Mix aus Indie- und Elektro-Musik vertreten. Denkst du, es besteht momentan die Tendenz, dass es wieder mehr in Richtung Rock geht? Oder bleibt die elektronische Schiene weiterhin im Fokus?

Ich weiß nicht. Ich denke es gibt eine Menge Bands die sagen, dass Sie diesmal nicht ihr eigenes Ding machen und sich mehr auf elektronische Musik konzentrieren. Wohingegen dasselbe Prinzip auch umgekehrt gilt. Ich denke, es ist in einem andauerndem Wechsel und hält sich so die Wage.

Du hast ein neues Album veröffentlicht mit dem Titel ”Rennen”. Warum hast du dich für einen deutschen Titel entschieden?

Es ist ähnlich wie bei der Suche nach meinem Namen. Ich hatte Schwierigkeiten, ein englisches Wort mit doppeldeutiger Aussage zu finden. Und ich mag die Tatsache, dass Rennen, als Verb sowie als Nomen verwendet werden kann. Für mich war die Idee, mein Album wortwörtlich ”Rennen” zu nennen interessant, jedoch gab es dieses Wort nicht im Englischen. So war es schlussendlich einfacher für mich.

Viele Leute sagen, die deutsche Sprache klinge so brutal und hart. Wie siehst du das?

Ja das kann sie wirklich. Es kommt allerdings darauf an, welche Worte du verwendest. Rennen zum Beispiel klingt schön und einfach.

Du bist nach Los Angeles gezogen und nun zurück. Was ist dort anders als hier in Europa?

Das stimmt. Ich habe dort für zwei Jahre gelebt. Und jetzt vor kurzem, erst vor drei Wochen, bin ich zurückgekehrt, um nach Barcelona zu ziehen. Anfangs dachte ich, das ist so großartig und perfekt. Du hast dieses wunderbare Wetter. Die Landschaft ist sehr schön. Kalifornien an sich ist wirklich schön. Aber als ich zurück kam, wurde mir bewusst, dass ich in einem Kult gelebt habe. Ich bin froh wieder hier zu sein.

Was genau meinst du mit Kult?

In California ging man davon aus, dass das Leben dort maßgebend für das in allen anderen Ländern sei. Nun, da ich wieder hier bin, konnte ich über diesen Tellerrand wieder hinaus blicken. Es ist zu einfach in Los Angeles zu leben und zu denken, du seist das Zentrum von allem anderen.

Glaubst du, die Menschen dort leben sehr isoliert vom Rest der Welt?

Ja, ich glaube Sie sind isoliert. Und Sie denken, Sie seien ganz oben in der Rangordnung. Sie denken es sei der beste Ort und jeder sollte dort leben.

Du bist allgemein stark politisch in deinen Texten. Unter anderem in Conrad. Was wolltest du mit diesem Song zum Ausdruck bringen?

Ich war einfach erschüttert über das was geschehen konnte. Und es geschah. (lacht)

Meinst du damit den Brexit?

Alles. Ich schrieb Conrad, als gerade der Machtwechsel in Australien stattfand. Es war eine geteilte Wahl, welche dann erneut durchgeführt werden musste. Primary handelt über den Wortlaut, welchen Donald Trump zu Beginn seines Wahlkampfes gebraucht hat. Vor zwei Jahren hätte niemand in diesem Wortlaut über politische Handlungen gesprochen, und heute ist er in aller Munde. Ich hatte damals schon ein komisches Gefühl, was sich ja tatsächlich bewahrheitet hat.

Glaubst du, dass ist nur ein Trend, der wieder abnehmen wird?

Ich denke, beide Seiten werden gleichsam animiert. Das ist das Erschütternde daran. Ich meine, es ist schon schlimm genug. Doch weiterhin setzt man daran, es noch schlimmer zu machen.

Das klingt ja optimistisch. Ich glaub dein momentaner Song ist Hard Liquor. Wovon handelt er?

Es ist einer meiner literarischsten Songs, die ich geschrieben habe. Ich habe ihn zusammen mit einem anderen sehr talentiertem Künstler geschrieben. Und der Song war eigentlich für ihn. Doch ich habe viel von meiner Erfahrung mit einer bestimmten Person einfließen lassen. Sie war nicht so wie andere Frauen, die ich in meinem Leben bisher getroffen habe. Sie braucht im Prinzip niemanden.

Und es geht um die Aufregung, sich in Gegenwart einer solchen Person zu befinden. Und ja.. wir sind jetzt verheiratet.

Viele deiner Musikvideos zeigen Einflüsse aus der Natur. Wie wichtig ist es für dich, in der Natur zu sein?

Sehr wichtig. Das ist auch ein Grund, weshalb ich froh bin, wieder hier zu sein. In Europa ist der Zugang zur Natur viel einfacher. Gerade wichtig ist für mich zu Fuß unterwegs zu sein. Das kann sehr inspirierend sein. Normalerweise fährst du direkt zu deinem Ziel. Dadurch verlierst du so schnell den Fokus für das um dich herum. Ich bin so glücklich. Wir haben in den Pyrenäen, hoch oben in den Bergen eine Hütte außerhalb von Barcelona, in die wir jedes Wochenende fahren, um in der Natur zu sein.

Deine weiteren Pläne für das Jahr?

Bis Ende Sommer habe ich zwei Abschlusstouren. Im Anschluss möchte ich gerne Spanisch lernen und ein wenig Katalanisch. Dann werde ich mir ein wenig Zeit nehmen zum Aufnehmen und im Oktober ist meine letzte Tour. Sollte ich bis dahin noch leben, werden wir einfach so fortfahren.

 

Interview: Leonie Scholl

Beitragsbild © Torsten Porstmann