Wäre Gott Indie- Popper, spielten beim just zu Ende gegangenen Berliner Popfest einige der Hausbands des Himmels. Eine kleine Popfest-Reprise.

Ein großartiger Abend! Es wurden schon an anderer Stelle Sinn und Widersinn von Reformationen alter Musikhelden zum Zwecke der Darbietung alter Hits zur Diskussion gestellt. Im Falle der schottischen C86 Veteranen Close Lobsters darf man ruhig mal mit einem kräftigen „Papperlapapp“ alle derartigen Bedenken vom Tisch wischen. Es war schon rührend, die vier Herren auf der Bühne zu sehen. Insbesondere dann, wenn Alter und Landesgrenzen einen weiland in den 8T’s daran hinderten. Wüsste man es nicht besser, hätte man meinen müssen, die Schotten haben in den vergangenen mehr als zwanzig Jahren nichts anderes gemacht, als ihre Songs zu perfektionieren. Auf einem Fundament wunderbarer Melodien des Bassisten Bob Burnett harmonierten Tom Donnelly’s und Graeme Wilmington’s Gitarren brillant und Stewart McFayden’s Schlagzeugspiel kam auf den Punkt genau. Sänger Andrew Burnett – der ausschaute, als wäre er auf dem Weg zur Gartenarbeit J – gab zwar etwas den Rockstar, ernst genommen haben das aber wohl weder er selbst noch einer der anderen Anwesenden. Es war eher lustig zu sehen, wie sehr er durch die Rocker-Sonnenbrille auf seine Textzettelchen kniepen musste. Sein Gesang jedenfalls war nicht minder perfekt als der Rest des Lobsters’schen Vortrags. Wirklich ganz groß und liebenswert! Auch ganz ausdrücklich ohne selbigen auf den nostalgischen Wert zu reduzieren. Perfekt aber nicht perfektionistisch. Ein wahres Füllhorn an Hits, eine wunderbare Atmosphäre – Band und Publikum spornten sich gegenseitig an – bis hin zum großartigen Schlusspunkt, einer Version von Soft Cell’s  „Say Hello, Wave Goodbye“. Ein Zuschauer gab seiner Bewunderung Raum mit seiner Einschätzung, die Close Lobsters hätten die besseren Smiths werden können. Das lass ich mal so stehen.

Vorher schon boten im schicken Roten Salon der Volksbühne Amelia Fletcher und Tender Trap ihre Twee-Pop-Bonboniere feil. Jede ihrer Bands der vergangen Jahre, ob nun  Talulah Gosh, Heavenly oder Marine Research lösten sich bei mir gegenseitig in ihrer Funktion als Lieblingsband ab. Amelia und ihr Partner Rob Pursey sind Institutionen des Indie-Pops. Das Interesse an ihrer Person war natürlich auch an diesem Abend enorm. Tender Trap verändern mit ihrer Musik zwar auch nicht die Welt, aber sie machen, dass auf dieser öfter mal die Sonne scheint und sie sich etwas langsamer dreht. Ihre tollen Melodien nahmen wohl jeden im vollen und gespannten Roten Salon gefangen. Amelia nahmen das Publikum für sich ein und nahm es an die Hand, und das latschte mit, stolperte mit und mochte keine Sekunde ihres Konzertes verpassen. Hell leuchtende Indie- Pop- Songs, nahezu jeder für sich ein kleines feines Schmuckstücke mit Melodien so schön und schlicht, dass man sie den ganzen Tag vor sich her pfeifen möchte.

 

Die Proctors gründeten sich 1993, nahmen ein paar Singles auf und ein Minialbum, lösten sich dann auf, um im letzten Jahr erstmals überhaupt live zu spielen. Nach den Popfesten Madrid, London und Limoges machten sie nun auch in Berlin Stop. Und auch das war ein Debüt für die Band. Zumindest für Gitarrist Gavin Priest und Bassist Stephen Davies.

Weil die drei weiteren Bandmitglieder nicht mit anreisen konnten, hatten sich Gavin und Stephen die sympathische Schwedin und Wahl-Londonerin Lisa Bouvier als Special Guest eingeladen. Ferner mussten Drums vom „Band“ nachhelfen. Anyway, dem Set der drei hat man das darüber hinaus nicht angehört. Selbiges war nämlich ein sehr schönes, bittersüßes. Eine tolle Band. Die später feil gebotenen Singles der Band traten mit mir zusammen die Heimreise an.

Ich gestehe, dass mir Grabbel & The Final Cut aus Lüneburg bis auf ihren Song „Psycho Popsong“ von ihrer 91er EP bislang nur am Rande ein Begriff waren. Asche auf mein kahles Haupt. Zum Glück gibt es ein New Yorker Label (Captured Tracks), dass sich dem Oeuvre der Band aus den Jahren 1989 bis 1996 angenommen hat bzw. das auch noch weiter tun wird. Der Popfest- Auftritt der norddeutschen Shoegazer hat jedenfalls Spaß gemacht. Auch Ihnen sah man vielleicht die ins Land gegangenen Jahre an, angehört hat man sie ihnen nicht.

Quasi die Popfest-Küken des Abends waren die Spanier Band à Part. Näher kennengelernt haben sich Javier Román und Coral Rodriguez über ihre Vorliebe für Jean-Luc Godard Filme, daher auch der Name. Der optimistische (und naive?) Pop mit allerlei Instrumenten Spielereien der beiden hatte zwar einige Startschwierigkeiten, war aber äußerst erfrischend und gut fürs Herze und die Beine.

Es bleibt als Resümee ein großer, großer Abend, der Pop groß geschrieben hat. Etwa so: P!O!P!. Vielen Dank Firestation Records. Dafür dass es Euch gibt, und natürlich für diesen tollen Konzert- Abend.

Text und Bilder: Henning Lühr