Auf den 26. Juni 2014 freuten sich viele Musikliebhaber, denn hier fand eines der begehrtesten Konzerte des Jahres statt. Pearl Jam betraten in Berlin die eindrucksvolle Bühne der Wuhlheide. Die Truppe um Frontmann Eddie Vedder macht kein Geheimnis daraus, dass sie mit dieser Location eine ganz besondere Liebe verbindet. Nicht nur für die fünf gealterten Musiker, die als Väter des Grunge verstanden werden und erstmals im Jahre 1992 ein Konzert in Berlin spielten, auch für die Fans besitzen die Konzerte in der Freiluftarena einen legendären Ruf. Daher wundert es nicht, dass alle 17.000 Karten innerhalb weniger Stunden ausverkauft waren. Pearl Jam und die Wuhlheide. Das ist was Besonderes, wofür die um den Globus verteilte Fan-Community sich die größten Strapazen auflastet, um eines der wenigen Europakonzerte zu besuchen. Das besondere internationale Flair in der Wuhlheide, welches sich wohl mit den großen Festivals dieser Welt messen kann, offeriert einen wichtigen Gedanken der treuen und niemals aussterbenden Fangemeinschaft: Der Grunge ist tot, Pearl Jam leben.

Rechts: Ich. Mitte: Mein Chauffeur Links: Fotobomblevel Bratwurst. Kein Scheiß. Der Typ kam einfach an und knutscht mit. Verrückte Welt.

Rechts: Ich. Mitte: Mein Chauffeur Links: Fotobomblevel Bratwurst. Kein Scheiß. Der Typ kam einfach an und knutscht mit. Verrückte Welt.

Nicht nur friedliche und homoerotische Stimmung unter den Fans, auch die Security ist nett. Im Hintergrund: die noch spährlich gefüllte Wuhlheide

Nicht nur friedliche und homoerotische Stimmung unter den Fans, auch die Security ist nett. Im Hintergrund: die noch spärlich gefüllte Wuhlheide

„Qué voz! una voz increíble.”

Ohne Vorband beginnt der Mainact pünktlich um 21 Uhr und liefert dem Publikum in typischer Pearl Jam Manier drei Stunden pure Extase. Es sind Vollblutmusiker, die es verstehen, die Zuschauer, deren Alter wahrlich nicht unterschiedlicher sein könnte, sofort in ihren Bann zu ziehen. Sobald die Stimme des charismatischen Sängers durchs Amphitheater schallt verhallen jegliche Sprechchöre und Fangesänge. Ein unvergesslicher Abend kann beginnen. Ein junges aufgewühltes Mädchen neben mir stellt treffend fest: „Qué voz! una voz increíble.”
Die Geschichten um Eddie Vedder und seine Liebe zu den Fans sind bekannt. Auch an diesem denkwürdigen Abend ermahnt er das Publikum immer wieder zur Vorsicht und fordert mehrfach die ganze Arena auf drei Schritte nach hinten zu gehen, um die sich erquetschenden Massen in den vorderen Reihen zu entlasten. Zur Not springt er auch mal ins Publikum und legt sich mit der eigenen Security an, wenn er das Gefühl hat, dass auch nur irgendwer irgendwo ungerecht behandelt wird. Eddies und Pearl Jams großer Gerechtigkeitssinn sind Inspiration und ein stückweit gar Lebensphilosophie.

Pearl Jam betreten die Bühne.

Pearl Jam betreten die Bühne.

“I’m ahead, I’m a man, I’m the first mammal to wear pants. I’m at the peace with my lust, I can kill ´cause in God i trust. Yeah. It´s evolution baby.”

Kaum eine Band ist sowohl derart gesellschaftskritisch als auch politisch aktiv und weiß gleichzeitig diese Energie des Weltverbesserungsdrangs in Liedern zu verarbeiten und gar auf die Bühne zu transportieren.
Auch wenn der Start des Konzerts – zumindest die Songauswahl betreffend – eher schleppend verläuft, so überraschen Sie in ihrem musikalischen Aufbau doch alteingesessene Fans mit Seltenheiten wie Lukin, Who you Are oder Crazy Mary. Signifikant für den Auftritt ist das ständige Springen in der Setlist von balladenlastigen Liedern hin zu aggressivem, typisch 90er Jahre Grunge à la Alive, Do the Evolution oder Even Flow. Es kommt gut an, dass unglaublich viele Lieder vom 1991 erschienenen Debütalbum Ten gespielt werden. Ein Album, welches wohl neben Nirvanas etwa zeitgleich veröffentlichtem Nevermind als die Bibel des Grunge zu verstehen ist. Hätten Pearl Jam damals nicht Musikvideos und Fernsehauftritte boykottiert oder sich nicht mit den großen Plattenfirmen ihrer Zeit um übertriebene Kartenpreise vor Gericht gestritten, wer weiß, vielleicht wäre ihnen die Weltaufmerksamkeit entgegengebracht worden, die sie bis heute mit allen Mitteln zu verhindern wissen.
Im ganzen Stadion tanzen die 17.000 Besucher der Wuhlheide und zeigen der Band, dass sie textsicherer nicht sein könnten. Der Band gefällts und sie wären nicht Pearl Jam, wenn sie es ihnen nicht danken würden. Nachdem sie schon zwei mal die Bühne verlassen haben betreten sie diese ein weiteres mal und spielen noch einmal gute 40 Minuten. Wahnsinn.

Video: letzten Minuten von “Porch”

 Wenns am schönsten ist soll man …. weitermachen!

Das machen Pearl Jam. Nachdem sie mit dem Neil Young-Cover Comatose bereits eine Überraschung liefern, heizen sie dem Publikum mit dem Ramones-Klassiker “I believe in Miracles” nochmal richtig ein. Anschließend folgt mit Porch ein Musikstück, was stellvertretend für die Hochphase des Grunge steht. Die Stimmung eskaliert. Ich verliere meinen Schuh beim unfreiwilligen Stagediving, Eddie Vedder klettert aufs Gerüst, Klamotten fliegen quer durch die Luft und es scheint schier unmöglich angesichts der brüllenden Massen, den eigenen Gesang zu verstehen. Fünf Meter weiter hält jemand meinen Schuh in die Luft. Ich kämpfe mich durch und ziehe ihn wieder an. Mit Rocking in the Free World, wieder ein Neil Young Cover, und dem Musikstück Yellow Ledbetter, was es aus mysteriösen Gründen nicht auf Ten schaffte aber seitdem Kult unter den Fans ist, liefert die Band einen energiegeladenen Abschied. Es war mein fünftes Pearl Jam Konzert. Noch nie wurde ich enttäuscht.

Video zu “Rockin’ in the Free World“
Pearl Jam werden älter, ihre Alben verlieren an Wiedererkennungswert aber ihre Konzerte sind seit ihrer Bandgründung berühmt berüchtigt und zählen genreübergreifend zu den Besten.
Der Grunge ist tot, Pearl Jam leben.