Freunde der gepflegten Indie-Musik werden es kaum glauben, aber es ist wirklich wahr: In der großen Welt der Popkultur existieren tatsächlich Weihnachtslieder, die beim Zuhören keine Suizidgedanken hervorrufen. Damit sind keine deutschen Kompositionen wie “Stille Nacht” oder “Leise rieselt der Schnee” gemeint und auch keine englischsprachigen Evergreens wie Wham!s “Last Christmas” oder Mariah Careys “All I Want For Christmas Is You”, die uns keine Tränen der Rührung, sondern der Verzweiflung in die Augen treiben. Um dem ganzen Wahnsinn der Christmassongs zu entkommen, muss man nur die richtigen Tracks einlegen und sich von Kaufhäusern fernhalten, die uns die weihnachtlichen Perlen der Musikgeschichte penetrant aufzwingen wollen.

Auch diejenigen, die sich jedes Jahr aufs Neue auf die üblichen Verdächtigen wie “Wonderful Dream” von Melanie Thornton freuen und lautstark mitsingen, müssen zugeben, dass solche Lieder spätestens nach dem fünften Mal hören ziemlich langweilig werden. Um der Monotonie der weihnachtlichen Playliste entgegenzuwirken, gibt es zahlreiche Songs aus dem Indie-Bereich, die zwar weniger besinnlich aber dafür auch viel origineller und abwechslungsreicher klingen. Welche Tracks für passende Feiertagsstimmung sorgen, haben wir für Euch zusammengefasst. Aber Obacht: Auch wenn anscheinend jeder Interpret schon mal weihnachtlich musiziert hat, stehen nicht immer Liebe und Frieden im Vordergrund. Somit ist nicht jeder Indie-Song dieser Liste perfekt für den gemütlichen Familienabend. Aber wieso Weihnachten nicht mal in einer heruntergekommenen Bar und mit gitarrenlastigem Sound im Ohr zelebrieren?

The White Stripes – Candy Cane Children
Einer der großartigsten Künstler unserer Generation – Jack White – besingt in diesem Lied ein Zuckerstangenmädchen. Nebenbei beschwert er sich über die Tatsache, dass die Weihnachtszeit naht und niemand eine Schusswaffe bei sich herumliegen hat. Schließlich müsse man ja die Annahme, dass das ganze Weihnachtsgedöns irgendwie Spaß machen könnte, überdenken. Woher dieser Missmut über die Weihnachtszeit bei Jack White rührt, weiß man leider nicht. Allerdings existiert ja weiterhin der Mythos der erhöhten Selbstmordrate an Feiertagen. Merkwürdigerweise hat diesen vorher noch niemand in einem Weihnachtslied verarbeitet. Neben diesem Novum ist auch der Sound sehr eingehend. Auch wenn der Song im typischen White Stripes Stil daherkommt, hat er doch etwas ganz Eigenes.

Tom Waits – Christmas Card From A Hooker In Minneapolis
Ja, auch der überragende Tom Waits kennt sich bestens mit Weihnachten aus. Mit seiner rauchigen, verwegenen Stimme bringt er uns in mehr oder minder heitere Stimmung, indem er einen Brief zitiert, der mit den Worten “Vielleicht komm’ ich am nächsten Valentinstag auf Bewährung raus.” endet. Nun kann man die Lyrics natürlich pessimistisch interpretieren, aber eigentlich möchte Waits doch nichts anderes sagen als “Solange man nicht eine Weihnachtskarte von einer Prostituierten, die man ausversehen geschwängert hat, erhält, ist das doch schon mal ein Grund zum Feiern.” Vielleicht ist es pathetisch zu behaupten, dass eine solche Aussage niemand so sympathisch und glaubhaft wie Tom Waits rüberbringen könnte, aber zumindest hat man das Gefühl, dass der Mann genau weiß, wovon er da spricht.

Sufjan Stevens – Put The Lights On The Tree
Mit diesem Song hat der Singer-Songwriter nur aber wirklich was fürs Herz geschrieben. Sufjan Stevens ist bekannt für seine Weihnachtslieder – wer also gleich einen Soundtrack für den gesamten Abend sucht, ist bei ihm genau richtig. Seine besinnlichen Melodien und die zarte Stimme kann man auch mit Kindern hören, ohne die Weihnachtsstimmung völlig zu demolieren. “Put The Lights On The Tree” ist ein besonders süßer und eingehender Track, der der Zuhörerschaft dazu rät, die einsame Omi mal wieder anzurufen oder sie am besten gleich zu besuchen. Ach ja und Jesus darf man natürlich auch nicht vergessen, ist ja sein Geburtstag.

Manic Street Preachers – Ghost Of Christmas
Dieser Song passt perfekt zu jeder von Glühwein geschwängerten Stimmung. Man hört Gitarren- und Saxofonmusik, die eher kitschig klingt und mit einem 80er Jahre Feeling ins Ohr geht. Hinzu kommt ein Chorus, den man auch beschwipst ohne Probleme mitsingen kann. Eine hervorragende Mischung also von den Manics, die sonst für hochpolitische Songs bekannt sind. Aber auch die kritischsten Musiker vergessen die Politik, wenn die Zeit gekommen ist, Freude zu heucheln, in Streit mit Familienmitgliedern zu geraten und sich auf Betriebsfeiern zu blamieren. Dazu ist Weihnachten schließlich da.

The Flaming Lips – Christmas At The Zoo
Don’t try this at home! Das besinnliche Lied handelt davon, alle Tiere zu befreien, damit sie Weihnachten in Freiheit feiern können. Dazu gibt es den typischen Sound der Band, der immer irgendwie sehnsüchtig und optimistisch klingt. Kein Wunder, dass die Jungs Weihnachten besingen, schließlich hat die multikünstlerische Experimental-Band sogar einen eigenen Film zu dem Thema gedreht. Da kennt sich also wirklich wer aus.

Ben Folds – A Bizarre Christmas Incident
Mit diesem eingängigen Track animiert Folds uns zum Nachdenken: Hat sich eigentlich irgendwer schon mal Gedanken darüber gemacht, wie bizarr es ist, dass an Weihnachten ein dicker, verkleideter Mann nachts durch den Schornstein in das eigene Haus gelangt? Ja, Ben Folds. Allerdings geht bei ihm die Geschichte nicht ganz so glimpflich aus. “Mrs. Claus is gonna sue our ass” – da kommt gute Stimmung auf!

Eels – Everything’s Gonna Be Cool This Christmas
“Everything’s Gonna Be Cool This Christmas” ist für all diejenigen, die auf Weihnachten genau so viel Bock haben, wie auf den nächsten Zahnarztbesuch. Bezeichnend, denn normalerweise sind die Eels ja eher dafür bekannt, ihrem Publikum auf wundervoll poetische Art und Weise das Herz zu brechen, anschließend unter der Last der Welt, die auf ihren Schultern lastet, zusammenzubrechen und sich in Selbstmitleid zu suhlen. Aber nicht diese Weihnachten. Dieses Mal sind sie positiv gestimmt und besingen ein cooles Fest und einen rockenden Babyjesus.

Band of Horses – The First Song
Promt kommt auch wieder ein Downer. Der sehr abstrakt geschriebene Song von Band of Horses kommt sehr melancholisch daher und fragt nach dem Sinn des gefeierten Datums. Was hat man denn eigentlich am Ende des Jahres erreicht? Das, was man wollte oder das, was man sollte? Genügt man den Ansprüchen oder setzt man Maßstäbe? Wurde man geliebt und vor allem: Hat man selbst geliebt? Und wieso zum Teufel sollte man dafür belohnt werden?

Josh Weller & Paloma Faith – It’s Christmas And I Hate You
Wer ohne Sünde, werfe den ersten Stein. Wir alle haben diesen Gedanken wohl schon am Weihnachtsabend gehabt. Schließlich muss man stundenlange Fahrten über sich ergehen lassen, eingequetscht zwischen Geschenken und schwitzenden Menschenmassen, nur um die meist sowieso nervige Verwandtschaft zu besuchen. Das ganze Prozedere von wegen “Wir haben alle einander lieb.” ist oft nur mit Alkohol zu ertragen, genau wie die langweiligen Gespräche darüber, dass früher alles besser war und dass es in letzter Zeit unglaublich frisch geworden ist. Im schlimmsten Fall sind auch noch Kinder anwesend. Niemand kann diesen Ritualen entkommen, aber mit gutem Essen und diesem Song im Kopf kann man sie vielleicht doch lächelnd ertragen.

Half Man Half Biscuit – It’s Clichéd To Be Cynical At Christmas
Auch kritische Stimmen werden laut. Also eigentlich befürwortende Stimmen. Auf jeden Fall Stimmen, die uns verraten, dass es völlig überzogen und unreif ist, sich in misanthropische Stimmung zu begeben, sobald die erste Weihnachtsdeko in der Innerstadt platziert wird und der Weihnachtsmarkt das normale Einkaufen unmöglich macht. Das vermittelt uns die surrealistische Postpunk-Gruppe Half Man Half Biscuit. Recht haben sie. Also lassen wir uns alle ein Paar Eier wachsen und genießen das bunte Treiben – schließlich hat man ja die meiste Zeit des Jahres seine Ruhe.