Es sind nun mal die großen Headliner-Festivals, die den musikalischen Sommer dominieren. Mega-Bands auf den Bühnen, 50.000 Besucher und mehr und riesige Gelände, mit deren Ausmaßen die meisten Kleinstädte überfordert wären. Hier werdet ihr weder mit einem kostenlosen Croissant-Frühstück begrüßt, noch werdet ihr alle Bands sehen, wegen derer ihr gekommen seid. Es sei denn ihr seid einer der 5.000 Besucher des BootBooHook-Festival in Hannover.

 

Da kann es euch auch mal passieren, dass We Have Band neben euch im Publikum tanzen, ihr mit Thees Uhlmann kurz vor seinem Auftritt ein Schwätzchen haltet oder zusammen mit BootBooHook-Dauerbesucher Jean-Michel Tourette (Wir sind Helden) in der Warteschlange vor dem veganen Suppenstand steht. Es passt irgendwie zum BootBooHook, das jedes Jahr auf’s Neue seine ganz eigene, sehr entspannte Wohlfühl-Atmosphäre verbreitet.

Überhaupt: Entspannt. Das scheint das Zauberwort bei Veranstaltern und Besuchern zu sein. Überall hört, liest und merkt man es. Dabei hätten sie allen Grund, dieses Jahr besonders unentspannt zu sein.

Wohlfühl-Atmosphäre (fast) mitten in der Stadt © Torsten Porstmann

Wohlfühl-Atmosphäre (fast) mitten in der Stadt
© Torsten Porstmann

„Geht jetzt bitte!“ – Ein lauter Spielplatz mitten in der Stadt

2008 wurde das Festival mit dem eigenwilligen Namen geboren. Vater (Tapete Records), Mutter (FAUST e.V.) und Patenonkel (Spandau-Projekt) fanden für das kleine Festival ein Zuhause auf einem alten Fabrikgelände mitten in Hannover-Linden, das viel Charme und Platz für bis zu 5.000 Freunde bot. Es gab zwei Wohnzimmer und einen großen Spielplatz auf einer Wiese, wo sich neben großen Kindern wie Tele, Hot Chip, Art Brut oder Bonaparte vor allem auch die Angehörigen der Tapete-Familie und kleinere Spielkameraden austoben konnten.

Allerdings war dieser Spielplatz nur 30 Meter von den nächsten Wohnblöcken entfernt. Vier Jahre ging das gut. „Irgendwann gibt es Leute, die da wohnen und sagen ‘Wir mögen euch nicht mit eurem komischen Indierock und Elektro-Scheiss, geht jetzt bitte weg!’“, erinnert sich Dirk Darmstaedter, einer der drei Veranstalter des BootBooHook. „Wir durften auch immer nur bis elf Uhr spielen, danach war Schicht. Und dann mussten wir uns eben einen neuen Platz suchen.“

Neuer Ort, neue Möglichkeiten

Besucher beim BootBooHook 2012 © Torsten Porstmann

Besucher beim BootBooHook 2012
© Torsten Porstmann

Im Kronsberg-Park neben der Messe Hannover haben sie ihn nun gefunden. 2000 fand hier die EXPO statt, wovon bis auf ein paar Gebäuden nicht mehr viel zu sehen ist. Dafür gibt es viel Platz; wie gemacht für ein großes Festivalgelände und einen großzügigen Campingplatz – in Linden standen die Zelte zwar sehr romantisch, aber recht eingepfercht entlang der Limmer. Und sonst? „Die Faust hat ja gleich Charme mitgeliefert, weil es ein altes Industriegelände und damit schon sehr speziell ist.“, gibt Dirk zu. „Eine tolle Location, die du hier so nicht hast. Das ist erst einmal ein Feld.“

Tatsächlich haben es die Jungs und Mädels vom BootBooHook aber geschafft, die familiäre und – ja – entspannte Atmosphäre auch auf die grüne Wiese zu übertragen. Und trotz der Bedenken vieler langjähriger Besucher ist der neue Veranstaltungsort ein echter Gewinn für das Festival: So sind die Zeiten, wo ihr wegen Überfüllung der beiden Indoor-Hallen auf dem FAUST-Areal viele Bands nicht sehen, sondern nur hören konntet, endlich Geschichte. Auch die „Sperrstunde“ ab elf Uhr gibt es nicht mehr. Das nutzen die BootBooHooker nicht etwa, um noch mehr Bands ins Line-Up zu quetschen, sondern für mehr Pausen zwischen den Auftritten. Klingt erst einmal komisch, sorgt aber dafür, dass ihr ganz entspannt nach einem Auftritt zur nächsten Bühne gehen könnt, ohne dort den Anfang zu verpassen. Genau das, wonach ich immer gesucht habe! Und wo sonst, bitte schön, wird jede (!) Band persönlich anmoderiert? Noch dazu von Tele-Frontmann Francesco Wilking himself?

Festival mit Ansage: Tele-Frontmann Francesco Wilking © Jana Fischer

Festival mit Ansage: Tele-Frontmann Francesco Wilking
© Jana Fischer

Etwas merkwürdig ist es allerdings, so viele Menschen mit blau-gelben Basecaps einer schwedischen Möbelkette herumlaufen zu sehen. Kein Witz: das BootBooHook ist jetzt das meines Wissens nach einzige Festival in Deutschland (oder weltweit?) mit quasi-direktem IKEA-Anschluss. Ob schnell noch zu Mittag Köttbullar verdrücken oder ein bequemes Sofa für’s Zelt organisieren – alles kein Problem.

„Wir sind kein Headliner-Festival“

Musikalisch ist sich das BootBooHook aber treu geblieben: „Wir machen ein doch recht spezielles Programm.“, findet Dirk, der mit seinem Projekt Me And Cassity dieses Jahr ebenfalls beim BootBooHook gespielt hat. „Wir sind kein Headliner-Festival, dass davon lebt, dass Deichkind oder Fettes Brot spielen. Sondern es gibt ein ziemlich breit gefächertes Programm von Bands, die viele Leute hier auch vielleicht das erste Mal hören.“

We Have Band beim BootBooHook 2012 © Torsten Porstmann

We Have Band beim BootBooHook 2012
© Torsten Porstmann

Ein Festival, welches sich ein bisschen wie das Stöbern im Lieblingsplattenladen anfühlt. Mit alten Schätzen, kleinen Musikperlen und – na klar – auch den großen Namen. Superpunk gaben hier ihren letzten Auftritt überhaupt, Sophie Hunger war 2011 der bezaubernde Abschluss und Tocotronic gehören mittlerweile schon fast zum Inventar. Auch das musikalische Aufgebot in diesem Jahr liest sich wieder vielversprechend: Boy, Of Montreal, French Films, Who Made Who, The Whitest Boy Alive, We Have Band, Dear Reader, Baudzun, Me And My Drummer, Gravenhurst usw. „Die Hoffnung ist und war immer, dass sich die Leute vielleicht schon Tickets holen, bevor sie überhaupt wissen, wer spielt. Eben weil sie sich sagen ‘Ach, die machen das schon!’.“ Die Besucherzahlen geben Dirk Darmstaedter und seinen Mitstreitern Recht: 2011 war das BootBooHook zum ersten Mal an allen drei Tagen komplett ausverkauft. Dieses Jahr dürften es ähnlich viele gewesen sein.

Letztes Konzert ever: Superpunk auf der Tent-Stage © Jana Fischer

Letztes Konzert ever: Superpunk auf der Tent-Stage
© Jana Fischer

Ach, und die Besucher. Angesichts des grassierenden Verkleidungs-Hipster-Wahnsinns ist es sehr angenehm mal auf ganz normale Menschen zu treffen, die scheinbar der Musik wegen ein Festival besuchen. Wahlweise vor der Bühne oder ganz entspannt auf Riesenkissen im Gras. Hier und da stehen ein paar Kinderwagen herum. Herrlich!

Eule im Namens-Einheitsbrei

Irgendwie scheint hier alles zu passen: die richtige Musik, die richtigen Leute und das richtige Gelände. Kein Wunder, dass das BootBooHook als eines der schönsten innerstädtischen Festivals in Deutschland gilt und sogar Unwetter extra einen großen Bogen um das Gelände machen. Bleibt nur noch eine Sache zu klären: Warum dieser Name? „Ich wollte, dass das Festival nicht so einen Greenville-Dockville-sonstwie-typischen Festivalnamen bekommt. Es sollte erst einmal gar nichts bedeuten. Ausserdem mag ich doppelte O’s und so und habe eine lange Liste mit Festivalnamen gemacht. Da stand unter anderem BootBooHook. Und weil das so ein bisschen eulig klingt, haben wir jetzt eine Eule als Logo.“ Grundsympathisch. Ich komme wieder.

The Hundreds In The Hands beim BootBooHook 2012 © Torsten Porstmann

The Hundreds In The Hands beim BootBooHook 2012 © Torsten Porstmann

Text: Torsten Porstmann