Mal ehrlich, wer von euch hört sich schon im Vorfeld durch alle Künstler eines Festivals? Eben! Und gerade bei den unbekannten Namen sind Festivals wie eine bunte Bonbontüte. Plötzlich steht ihr vor der Bühne und habt eure neue Lieblingsband entdeckt.

„Es tut uns sehr leid, aber wegen eines technischen Problems brauchen wir noch etwa 15 Minuten!“ verkündet Moderator Francesco Wilking auf der Bühne der Faust-Stage. Hm, was tun, wenn in genau 10 Minuten auch schon Who Made Who auf der Hauptbühne stehen? 100 Punkte für die, die geblieben sind – oder später nachkamen.

Denn kein geringerer als Johannes Sigmonds spielte hier sein erstes Deutschland-Konzert überhaupt und zog das komplette Festivalzelt in seinen Bann.

Moment: Johannes – Wer?

Johannes Sigmonds auf der Faust-Bühne des BootBooHook © Torsten Porstmann

Johannes Sigmonds auf der Faust-Bühne des BootBooHook © Torsten Porstmann

Johannes Sigmonds aka Blaudzun hat mit „Heavy Flowers“ gerade sein drittes Studioalbum veröffentlicht und ist in seiner Heimat schon längst kein Geheimtipp mehr. Nerdbrille mit Gläsern so dick wie Flaschenböden, Vollbart und die scheinbar angewachsene Gitarre unter’m Arm – der Typ ist auf Anhieb sympathisch. In den Niederlanden hat er gerade eine komplett ausverkaufte Clubtour gespielt, bevor er mit seinen sechs Mitstreitern jetzt auch Deutschland unsicher macht. Zeit wird’s!

Blaudzun: Großes Kino im kleinen Zelt © Jana Fischer

Blaudzun: Großes Kino im kleinen Zelt © Jana Fischer

 

Blaudzun erfindet den Melancholie-Folk-Pop (was für ein Wort!) nicht neu, kostet ihn aber mit solcher Hingabe aus, dass es eine Freude ist. Seine Musik wird gerne mit den frühen Arcade Fire verglichen, wirkt aber gleichzeitig wie die ordentlich aufgemotzte Version von Mumford & Sons mit doppeltem Turbo. Eine Woche vor seinem Auftritt beim BootBooHook brachte er damit bereits mehrere tausend Zuschauer beim Lowlands-Festival (NL) zum Ausrasten, da mutet sein Hannover-Gig fast schon wie ein Wohnzimmer-Konzert an.

Im Gepäck Glockenspiel, Geige, Akkordeon und großartige Kompositionen wie „Elephant“ oder „We Both Know“. Das euphorische Publikum gibt es scheinbar gratis dazu. Knapp 45 Minuten großes Augen- und Ohrenkino, in denen die eigene Amazon-Wunschliste wieder etwas länger geworden ist.

Bunte Wundertüte BootBooHook © Torsten Porstmann

Bunte Wundertüte BootBooHook © Torsten Porstmann

Blaudzun waren aber auch der Beweis, welch verflucht gutes Händchen die BootBooHooker bei der Musikauswahl haben: Tarwater (D), Striving Vines (DK), The Touch (SWE) oder die Berliner Indie-Hoffnung Me And My Drummer.
Kaum eine Band, die ich mir nicht direkt ins Wohnzimmer stellen würde. Und dank des großzügigen Timetable konntet ihr auch alle bis zum letzten Gitarrenzupfen bzw. Synthierauschen genießen, ohne auf den anderen Bühnen etwas zu verpassen – zumindest fast. Versucht das mal auf dem Hurricane! So könnt ihr eure Bonbontüte bis zum letzten Stück genießen, ohne euch zu verschlucken.
Was für ein Luxus!

Das komplette aktuelle Album „Heavy Flowers“ im Stream bei Soundcloud

Text: Torsten Porstmann