„Es klingt ein bisschen eulig!“

Ein Gespräch mit Dirk Darmstaedter, Mitbegründer von Tapete Records und einer der drei Veranstalter, über Festivalnamen, unmusikalische Anwohner und Eulen mit Gummistiefeln.

Geburtstag und Neuanfang: Seit 2008 veranstaltet das Hamburger Label Tapete Records zusammen mit dem Veranstaltungszentrum FAUST e.V. und dem Spandau-Projekt das BootBooHook-Festival in Hannover.  Bis heute hat es sich zu einem der größten und gleichzeitig charmantesten innerstädtischen Festivals in Deutschland gemausert. Zum fünfjährigen Jubiläum legten die Veranstalter nicht nur wieder die musikalische Latte ein Stückchen höher, sondern bekamen notgedrungen auch ein neues Festivalgelände.

Interview mit Dirk Darmstaedter hören

Euer Name sticht im jährlichen Festivalprogramm immer wieder hervor – was steckt eigentlich dahinter?
Dirk Darmstaedter:
Ich wollte, dass das Festival nicht so einen Namen wie Rock am Deich oder Rock im Park oder all diese Greenville-Dockville-sonstwie-typischen Festivalnamen bekommt. Es sollte irgendwas sein, was erst einmal keine Assoziationen hat, was erstmal gar nichts bedeutet. Dass die Leute erstmal so denken „Hä? Was? Wie heisst das Festival? Wie spricht man das denn aus?“. Und ich mag ganz gerne doppelte O’s, doppelte A’s – alles so Uu, Aa, Oo und Öö. Das Lollapalooza Festival ist ein gutes Beispiel für einen gelungenen Namen. Ich habe dann mal eine lange lange Liste von Fantasienamen gemacht und da stand unter anderem bootboohook drauf. Und ich bin eigentlich immer noch erstaunt darüber, dass die Leute, mit denen wir das Festival machen, alle damals „Ja“ gesagt haben zu dieser irren Idee. Aber ich glaube dass ist eigentlich ganz gut, weil jetzt ist es was… naja es klingt eben… es ist eben nur das bootboohook, es ist eben nicht Rock im Park.

BootBooHook 2012 - Hauptbühne

BootBooHook 2012 – Hauptbühne

Diese „Rock im…“-Titel werden ja mittlerweile auch recht inflationär benutzt…
Dirk Darmstaedter:
… es ist auch immer so speziell, immer gebunden an eine Lokalität und so. Wir sind nicht an irgendwas gebunden. Wir sind nur an die Assoziation der Leute gebunden, die Assoziationen mit diesem Namen verbinden. Lena, die die erste Grafik für unser Festival gemacht hat, fiel dann auf, dass in bootboohook  eben auch das Wort „boot“ war – also Gummistiefel. Und sie hat dann zwei kleine Gummistiefel unter’s Logo gemacht, was ich auch super fand. Oder letztes Jahr haben dann irgendwelche Bands angefangen mit dem Publikum so „Everybody bootboohook – boot-boo-hook!“ zu schreien, was ja ein bisschen eulig klingt, und jetzt haben wir so eine kleine Eule als unser Logo. Also der Name bringt auf jeden Fall Spaß!

Zur Person: Dirk Darmstadter
- Seine erste Band hieß “J.B. and his Jupitors”
- 1986 gründete er seine zweite Band Jeremy Days
- erste Single Are You Inventive wurde 1988 ein großer Hit
weitere Hits folgten

Zusammen mit Gunther Buskies gründete Darmstaedter 2002 das Plattenlabel Tapete Records.

Wo wir gerade beim „Nicht-gebunden-sein“ sind: Nach vier Jahren Festival auf dem Gelände des FAUST e.V. musstet ihr dieses Jahr umziehen. Wieso?
Dirk Darmstaedter:
Also generell ist es erstmal so, dass wir wirklich überhaupt nicht an irgend eine Lokalität gebunden sein wollen. Allein schon die Entscheidung mit dem Festival nach Hannover zu gehen. Weil unser Label kommt ja aus Hamburg. Es war uns egal ob Hannover, Hamburg, Berlin – Hauptsache einen guten Ort, wo es irgendwie passt und wo Leute da sind und mit uns zusammen arbeiten, wo das irgendwie Sinn macht. Und die haben wir eben in Hannover in der Faust gefunden, und da waren wir fünf Jahre. Die Faust ist ja direkt in Hannover-Linden, das ist also echt im Kiez sozusagen, direkt in der Stadt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass sie uns so lange gewähren lassen, weil da waren 5.000 Leute und irgendwann gibt es da einfach Leute, die da wohnen und sagen „Wir mögen euch nicht mit eurem komischen Indierock und Elektro-Scheiss, geht bitte jetzt weg!“ Und, ja, irgendwann mussten wir eben gehen, es ging nicht anders. Wir durften auch immer nur bis elf Uhr spielen, danach war Schicht. Und wir mussten uns eben einen neuen Platz suchen und ich bin heilfroh, dass wir diesen Ort hier gefunden haben – wo wir einfach länger spielen können, wo die Wohnhäuser einfach mal in sicherer Entfernung sind, und wo es einfach auch ganz schön ist und wo wir uns jetzt ein neues Zuhause bauen können.

Das neue Gelände zwischen Expo-Wal und Messegelände.

Das neue Gelände zwischen Expo-Wal und Messegelände.

 

Mit dem neuen Gelände nähert ihr euch aber den anderen Standart-Festival-Geländen.
Dirk Darmstaedter:
Also die Faust hat ja gleich Charme mitgeliefert, weil es ein altes Industriegelände und damit schon sehr speziell ist. Das konnte man anleuchten und das ist einfach eine tolle Location, die du hier erstmal so nicht hast; das ist erst einmal ein Feld.

Aber uns ging es sowieso immer darum, musikalisch ein Programm auf die Beine zu stellen, was uns einfach gefällt und was super speziell ist. Und da drumherum einfach irgendwie einen Ort zu bauen oder zu haben, wo sich die Leute auch wohl fühlen können und es entspannt ist.

Aber du hast natürlich vollkommen Recht, die Faust war super spannend und hatte einen echt super Charme. Da müssen wir jetzt in den nächsten Jahren sehen, wie viel wir davon – klar können wir hier keine alte Fabrik aufbauen – aber irgendwie sehen, dass wir noch Sachen hier hinbauen und machen können, um es noch charmanter und spezieller zu machen.

In der Faust war die maximale Anzahl der Besucher auf 5.000 begrenzt. Mit dem neuen Gelände hättet ihr Potential für deutlich mehr. Welche Rolle spielt so ein Wachstum für euch?
Dirk Darmstaedter:
Nein, also Wachstum ist nicht unser Key-Wort, würde ich mal sagen, weil wir machen ein, ich sage es mal so, doch recht spezielles Programm. Wir sind kein Headliner-Festival, dass davon lebt dass Deichkind oder Fettes Brot spielen oder sonst gar nichts. Sondern wir haben einfach ein ziemlich breit gefächertes Programm von Bands, die viele Leute hier auch vielleicht das erste Mal hören. Die Hoffnung ist und war immer, dass sich die Leute dann irgendwann vielleicht schon Tickets holen, bevor sie überhaupt wissen wer spielt. Eben weil sie sich sagen „Ach, die machen das schon. Das wird bestimmt irgendwie spannend.“ Das war immer das Ziel. Nur, wenn das der Anspruch ist, auch musikalisch spannend und neue, wichtige Sachen zu machen, dann wäre es total vermessen zu glauben, dass es 10.000 oder 15.000 Menschen gibt, die dann da hin strömen.

Fotos von den Bands auf dem Boot Boo Hook findet ihr hier

Trotzdem müssen es ja genügend Leute sein, dass wir unsere Kosten auch irgendwie drin haben, dass es irgendwie überhaupt machbar ist. Aber wir wollen hier nicht Rock Am Ring werden. Gar nicht. Ich freue mich wenn 5.000 Leute da sind und vielleicht in zwei Jahren 6.000. Dann ist aber auch fast schon die Grenze erreicht. Weil sonst musst du wirklich anfangen irgendwelche Mega-Bands zu buchen, und dann hast du vielleicht 15.000 Leute da, aber dann stehe ich vor der Bühne und sage: Joah (lacht).

Stichwort Geld: Kommen genügend Leute, so dass sich das Festival alleine trägt oder ist es wie bei vielen anderen eher ein Verlustgeschäft?
Dirk Darmstaedter:
Wenn du irgendwas mit Indierock und Indiepop und Singer-Songwriter zu tun hast, dann ist es immer zu einem Teil Selbstausbeutung. Das ist einfach so. Das ist bei unserem Label genauso wie es bei diesem Festival ist. Natürlich kann es kein – schreckliches Wort – „Geschäftsmodell“ sein jahrelang Miese zu machen. Irgendwann muss auch hier irgendwer mal Geld verdienen. Aber dieses Jahr… mal schauen!

Interview und Text: Torsten Porstmann