Naziklotz, Rosinenbomber, Eventfläche, Freizeitparadies – Der Flughafen Tempelhof mitten in Berlin hat nicht nur eine bewegende Geschichte hinter sich, sondern hinter jeder Ecke auch eine neue Überraschung parat. Grund genug für uns, euch mit auf eine Tour durch das größte Baudenkmal Europas zu nehmen – von ganz unten bis hoch hinaus!


Hier könnt Ihr das komplette Spezial vom Berlin Festival sehen:

ABER JETZT ZUR EIGENTLICHEN TOUR! …und die beginnt drei Stockwerke unter Tage, in einem labyrinthartigen Bunkerkomplex mit dunklen Gängen und Räumen, dem „Filmbunker“.
Hier hatte die deutsche Hansa Luftbild in den Anfangsjahren des Flughafens Luftaufnahmen von ganz Europa auf Film gelagert – quasi der analoge Vorgänger zu Google Earth. Anhand dieser konnten die damaligen Militärs lohnenswerte Angriffsziele ausmachen. Kein Wunder, dass sie hier unter höchster Sicherheitsstufe eingelagert wurden; Nur wenige Mitarbeiter hatten Zutritt und wussten überhaupt, was für brisantes Material hier eingelagert wurde. Eine einzige massive Panzertür sicherte den Zugang zu dem damals hochmodernen Komplex. Selbst eine Klimaanlage gab es hier.
Doch als die Sowjetarmee 1945 den Flughafen einnahm und durchsuchte, ging die gesamte Bunkeranlage und das Filmmaterial in Flammen auf – warum und durch wen, ist bis heute nicht geklärt.

Ging’s nicht eine Nummer kleiner?!?

Den nächsten Ort kennen alle, die schon einmal beim Berlinfestival gewesen sind: der Eingangsbereich des Flughafens. Doch bevor man die große Eingangshalle betritt und sich sein Festivalbändchen abholt, lohnt sich ein Schritt zurück. Vor der Halle gibt es einen schmalen Durchgangsraum, der tatsächlich nicht weiter auffällt. Bis zur Schließung des Flughafenareals 2008 waren hier unter anderem die Mietwagenschalter untergebracht. Jetzt muss man sich abereinfach mal die von den Amerikanern nachträglich eingezogene Decke wegdenken, dann könnte man bis zum „richtigen“ und eigentlichen Dach schauen – insgesamt fünf Stockwerke hoch.
Es muss ein ziemlich beeindruckender Blick gewesen sein, der in der Tat auch keinem anderen Zweck diente: beeindrucken, Menschen klein machen, imponieren. Damit stand der Raum in bester Gesellschaft zu ähnlichen Nazi-Bauwerken und ihrem Größenwahn.

Pools und Basketballturniere

Tempelhof war kein gewöhnlicher Flughafen – es war ein Kolossalbau der Extravaganzen, mit Hotels, Ballsälen, Restaurants, Marmorauskleidungen und der unterirdischen Bunkeranlage. Bis heute ist es eines der größten Gebäude der Welt, obwohl es nie zu Ende gebaut worden ist. Die Nazis hatten wenig Freude an Tempelhof: 1941 mussten die Bauarbeiten abgebrochen werden, die geplanten Flugschauen mit 80.000 Besuchern auf den Dachtribünen fanden nie statt. Erst die Amerikaner nahmen den Flughafen 1945 in Betrieb und hatten die Anlage bisher am längsten genutzt – bis 1993, dann übergab die US Air Force den Flughafen offiziell an die Berliner Flughafengesellschaft.

Wo sonst niemand hinkommt - Exklusive Innenaufnahme

Wo sonst niemand hinkommt – Die Snackbar der Amerikaner, direkt neben Bowlingbahn & Co.

Flughafen oder Vergnügungspark? Basketballfeld und Snackbar

Kein Wunder also, dass im gesamten Gebäude Spuren der amerikanischen Nutzung zu finden sind. Zeitweise waren bis zu 1.000 Soldaten hier stationiert, und die wussten es zu leben: mit Pools auf dem Rollfeld, kleinen Bars, Bowlingbahnen und eine komplette Basketballhalle! Eigentlich waren dort Tanzsäle geplant, und da der Raum die richtigen Ausmaße für ein Basketballfeld hatte, bauten die Amerikaner eben einfach eins hinein. Ganze Turniere und Wettkämpfe wurden dort ausgetragen. Nicht nur unter den Soldaten, sondern auch gemeinsam mit der Westberliner Bevölkerung. Heute spielt hier aber niemand mehr.

Hier spielten früher die Soldaten Basketball

Hier spielten früher die GI’s Basketball – zusammen mit Berlinern gab es sogar kleine Turniere

Dank der Amerikaner gibt der Flughafen auch heute noch zahlreiche Rätsel auf: viele Räume und Etagen wurden zwischen 1945 und 1993 umgebaut und umgenutzt. Noch heute stößt man teilweise auf Bereiche, von denen man bisher nichts wusste. Auch ein Grund dafür, warum sich sie viele Mythen und Legenden um den Flughafen ranken. So soll die CIA hier angeblich Verhör-Räume eingerichtet haben und ein kilometerlanger Tunnel bis in die Berliner Innenstadt reichen.

Und dann?!?

Zum Schluss geht es hoch hinaus – auf das Dach des Flughafens mit einem beeindruckenden Panorama. Berlin verschwindet fast am Horizont, so groß ist das Areal der „Tempelhofer Freiheit“, wie der Platz mittlerweile genannt wird. Schnell wird auch klar, warum hier ein Flughafen gebaut wurde: da das Gelände leicht erhöht liegt, zieht es hier ziemlich heftig; perfekte thermische Bedingungen für alles, was fliegen kann.
Doch statt Flugzeuge sind hier jetzt Kitesurfer, Jogger, Golfer und Spaziergänger unterwegs, und am Ostrand des Flugfelds ist eine kleine Gartensiedlung entstanden. Eine riesige Spielwiese für alle Berliner. Das soll auch so bleiben, nur an den Rändern sollen Wohnungen und die erste Berliner Zentralbibliothek gebaut werden. Den Blick vom Dach sollen künftig auch normale Besucher genießen können, zudem ist auch eine Art Museum geplant. Aber das alles ist noch Zukunftsmusik.

Pop10 Reporter Jonas bekommt eine exklusive Backstage-Führung

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Irgendwo da hinten ist Berlin…

Demnächst soll ein Bereich des Flughafengebäudes zum Kreativzentrum für Start-Up-Unternehmen und große Agenturen werden. Schon jetzt sitzt hier der Polizeipräsident sowie die Verkehrslenkungszentrale, über die der gesamte Berliner Verkehr kontrolliert und überwacht wird. Dazu ein Tanzstudio und ein Kindergarten. Und auf dem Rollfeld und den Hangars finden regelmäßig Veranstaltungen wie das Berlin Festival oder die Fashion Week statt.

Vom Flughafen zum Spiegelei – der Masterplan für Tempelhof (Grafik: Tempelhof Projekt GmbH/Grün Berlin GmbH)

Vom Flughafen zum Spiegelei – der Masterplan für Tempelhof (Grafik: Tempelhof Projekt GmbH/Grün Berlin GmbH)

Trotzdem ist ein Großteil des riesigen Areals noch ungenutzt. Das liegt auch an dem hohen Sanierungsbedarf des größten Baudenkmals Europas, für dessen Erhalt schlicht das Geld fehlt. Denn Eigentümer des Areals ist das Land Berlin – und das ist bekanntermaßen Dauerpleite. Die vielen Veranstaltungen sowie die liebevolle Nutzung des Geländes durch die Berliner zeigt aber, dass sich die Investition lohnt. Und mal ehrlich: ein Berlin Festival ohne den Flughafen Tempelhof? No way!