Mit Flanellhemd und Gitarre im Wald stehend, Coverlieder singend – so wurden die beiden schwedischen Mädels von First Aid Kit bekannt. Auf dem zubetonierten Gelände des Berlin Festivals geben sie ein eher merkwürdiges Bild ab. Dennoch gelang es ihnen, in einer der riesigen Hangarhöhlen einen musikalischen Zauberwald zu erschaffen.

Es war jedoch ein kleines Stück Arbeit, die vom Bonaparte-Konzert aufgeputschten, immer noch springenden und mitunter First Aid Kit-unerfahrenen Festivalbesucher in diese andere Welt zu entführen. Manchen Feierwütigen war das Folklore-Gedudel schlicht zu anstrengend, sie zogen gleich wieder ab. Die Dagebliebenen wurden mit einem zunehmend besser werdenden Konzert belohnt.

Klara Söderberg

Ein paar Songs brauchten auch die Söderberg Schwestern, um warm zu werden. Klara übte sich in würdevoller Körperstarre, während Johanna am Keyboard langsam anfing zu schwingen. Ja, so kann man das am besten beschreiben. Die Haare schwangen hin und her, die Arme folgten, der Körper, das Publikum und schließlich schien sich der ganze Hangar im Takt der verträumten Folk-Songs zu wiegen.

Wer die ersten drei Lieder überstanden hatte, blieb bis zum Schluss. “Emmylou” ließ die Menge nach vielen unbekannteren Songs aufhorchen.“Met up with the king” erinnerte daran, warum man eigentlich gekommen war. Ein vorsichtiger Chor in der Mitte der Masse fing an, mitzusingen.

Man schwang etwas beschwingter, die Scheinwerfer wechselten endlich vom melancholischen Blau-Violett zu Rot-Bunt und die First Aid Kit Schwestern bewiesen, dass sie auf eine süße Art auch ein bisschen ausrasten können. Klara röhrte kurz ins Mikro, Johanna riss das Keyboard Richtung Boden und das taktvolle Schwingen verwandelte sich in ein Headbangen, das mit hüftlangem Haar und Anne Of Green Gables-Kleidern doch etwas skurril aussah.

Am Anfang ganz verträumt: Johanna Söderberg

“Lions Roar” und “King of the World” wurden regelrecht zur Show, sofern First Aid Kit dazu in der Lage ist und überhaupt braucht. Denn diese Musik funktioniert auch ohne riesige Bühne und Nebelmaschine, ohne verrückte Outfits und großspurige Ansagen.

Und dann, nach gefühlten 10 Minuten, war der Spuk auch schon vorbei. Die Schwestern und Drummer Mattias, der sich den gesamten Auftritt über dezent in der Bühnendekoration versteckt hielt, verbeugten sich und tänzelten von der Bühne, das Publikum zwinkerte drei Mal verdutzt und tänzelte hinaus, um sich von Kraftklub wieder aus der Trance reißen zu lassen.

Schon vorbei – First Aid Kit auf dem Berlin Festival 2012